14
Apr
14

Stockholm Dating

Vor etwa vier Jahren traf ich ihn zum ersten Mal und ich musste gleich lachen, als ich ihn sah. Er grinste mich etwas diabolisch aus einer Gruppe etwas betreten dreinschauender Schweden an. Besitzergreifend hatte er den Arm um einen wohlhabend aussehenden Herrn mittleren Alters gelegt und wies ihm den Weg, genauso wie der scharfen Blondine und dem geistlichen Herrn im Range eines Tebartz-von Dingsbums. Ich grinste zurück und zückte die Kamera. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, ließ sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne das Lächeln einzustellen, von mir fotografieren. Die Frisur fand ich etwas komisch, so eine Art früher Beckham oder Vor-Bieber, die Haltung, naja, aber ich schaute ihm nur in die Augen und war ihm gleich verfallen. Vermutlich wäre ich auch mit ihm gegangen, wenn er mich nur gefragt hätte. Er musste gar nicht fragen, hier war ich, nur dieser Moment zählte. Naja, ich treffe ihn jedes Mal, wenn ich in Stockholm bin, ich muss ihn einfach wiedersehen und ich bin jedes Mal hin und weg. Er ist der Typ “charmantes A..loch§, der sich in der Zwischenzeit nie meldet, aber ich kann ihm einfach nicht böse sein.
Auch dieses Mal habe ich mich kurz davon gestohlen, ich wollte mit ihm alleine sein, ihn nur für mich haben und wenn es nur auf einen Quickie wäre. Er war da. Da, wo ich ihn schon beim letzten Mal gesehen hatte und beim vorletzten Mal. Diese Augen! Unverändert. Ich stellte mich direkt vor ihn, schaute ihm endlich wieder tief in die Augen und hauchte ein “hej hej”. Sein Lächeln wurde eine Spur tiefer und er zwinkerte mir zu, ganz ehrlich!

dating 2

Er ist im Historiska Museet in Stockholm zuhause, seitdem der Altar mit Szenen aus dem Leben der Heiligen Birgitta aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht mehr in der Kirche von Törnevalla, Östergötland steht.

12
Apr
14

Östermalms Saluhall in Stockholm

Södermalm gehört zu den jüngeren Stadtvierteln in Stockholm, es wurde erst im Laufe des 19. Jahrhunderts nordöstlich der Gamla Stan, der Altstadt aufgesiedelt und bebaut. Und so bekam das aufstrebende, chice Viertel 1888 an der südwestlichen Ecke des Östermalmtorg auch eine hübsche Markthalle.

Zum Glück für mein Portemonnaie war ich kurz nach der Einnahme des reichhaltigen Hotelfrühstücks für einen kleinen Rundgang dort, denn die Auslagen sind zu appetitlich drapiert. Auch zur Mittagszeit ist die Saluhall eine gute Adresse für leckere Häppchen und zum Leutegucken.

Sie hat auch eine eigene Website, die Markthalle: http://www.ostermalmshallen.se/
Öffnungszeiten: Mo – Do 09.30 – 18.00 Fr 09.30 – 19.00 Sa 09.30 – 16.00

11
Apr
14

Stockholms ältestes Pferd

Auf Bilder hatte ich es schon oft gesehen: Stockholms ältestes Pferd! Es hieß “Streiff” und starb 1633 in bestem Pferdealter. Bekannt wurde es, weil sein Besitzer sehr prominent war: Gustav II. Adolf Vasa, König von Schweden. Der führte sein Heer ab 1630 in den Dreißigjährigen Krieg auf dem Kontinent und fiel 1632 in der Schlacht von Lützen.
Streiff überlebte die Kämpfe und wurde im Leichenzug des Königs bis an die deutsche Ostseeküste zwischen November 1632 und Juni 1633 mitgeführt. Es scheint, dass das Pferd dort getötet wurde, auf alle Fälle wurde es im wahrsten Sinne des Wortes entbeint, Fell, Hufe mitsamt Hufeisen wurden nach Stockholm verbracht und der Hengst als ausgestopftes Ausstellungsstück in die Leibrüstkammer gebracht. Diese hatte Gustav II. Adolf Vasa selber einrichten lassen, hier ließ er bereits zu eigenen Lebzeiten Kleidung, die er in (erfolgreichen) Schlachten getragen hatte, sammeln. Nun kam nach seinem Tod auch “Reliquien” dieses wie einen (protestantischen) Heiligen verehrten Königs aus der Lützener Schlacht in die Leibrüstkammer: die drei blutdurchtränkten Hemden, die er an jenem Tag trug, die Strümpfe und sein Degen. Der Rest, inklusive der Taschenuhr, einer Kette, des Siegelringes, Hose und Stiefel, war der Leiche schon während der Kämpfe geplündert worde und blieben bis heute verschwunden. Der Koller aus Elchleder, eine Art Lederjacke für Reiter, gelangte erst nach Wien in die Sammlung der Habsburger, später in das Heeresgeschichtliche Museum und nach dem 1. Weltkrieg als Dank für schwedische Lebensmittelhilfen, wurde dieses Kleidungsstück des Königs an Schweden zurück gegeben.
Zurück zu Streiff: Der Hengst steht nun also in ausgestopfter Form in der Leibrüstkammer, angetan mit dem prächtigen roten Sattel, den er auch 1632 getragen hat, als er den König in die Schlacht trug. Nun nutzte ich die Gelegenheit und schaute mir die königlichen Ausstellungsstücke an, das Pferd, die Kleidung des Königs, der Degen, die Kleidung, die der Tote bis zu seiner Beisetzung in Stockholm trug. Streiff, immer noch schick sieht er aus. Nur die schwarzen Augenhöhlen finde ich gruselig.

gIIa

Gustav II. Adolfs Kleidung aus der Schlacht von Lützen 1632, Verwundungsspuren inklusive.

Streiff ist inzwischen Teil des Logos.

streiff 1

Endstation Logo

Livrustkammaren Stockholm
Slottsbacken 3
111 30 Stockholm

Januar bis April: Di-Mi, Fr-So 11-17
Mai: von 11 bis 17 Uhr täglich
Juni: von 10 bis 17 Uhr täglich
Juli-August: täglich 10-18
September bis Dezember: Mo-Mi, Fr-So 11-17

Eintritt 90 SEK (Erwachsene)

11
Apr
14

Stockholm im Hotel

Eigentlich wollte ich mich nur vor den hoteleigenen Kamin in der Bar setzen, ein wenig ins Feuer starren und mich aufwärmen vom kalten Wind da draußen. Natürlich waren die Plätze belegt, von einem französischen Pärchen, das per Videokonferenz lautstark mit der Familie irgendwo im Süden Frankreichs über die unglaubliche Kälte parlierte. Dass es unter Null Grad war, wie der Junge behauptete, stimmte nicht, ich wollte mich aber nicht ungefragt einmischen.
Neben der Bar, die morgens auch Frühstücksraum ist, liegt die Bibliothek, die offensichtlich auch nicht nur zum Lesen genutzt wird, wie ich durch die offene Glastür sehen konnte.
Zunächst starrte ich mit gerunzelter Stirn von der Tür aus auf den Haufen Kleinkindpuppen. Kunst? Zumindest mit dem Teppichmuster musste ich zunächst davon ausgehen.

stratigraphy
Ich trat in den Raum, noch einen Schritt näher. Da links, nein, da lag noch ein bizzarrer Haufen. Nein, keine Totenmasken. Aber wo war ich hier hingeraten?

stratigraphy 2

Langsam klärten sich die Bilder, Kopfkino aus! Gegenüber im angrenzenden Raum saß das Hotelpersonal und wurde für die “Erste Hilfe” upgedatet. Puh! Ich hatte schon begonnen, am Level der political correctness der Schweden zu zweifeln!

10
Apr
14

Stockholm im Sonnenlicht

Heute morgen waren die Götter des Wetters gnädig: Sonne, blauer Himmel, der Wind nur gefühlt eiskalt. Trotzdem geht die vorsichtige Stockholmerin mit Gummistiefeln, die wahrscheinlich sehr, sehr teuer waren, durch Östermalm. Kinder werden zum Sonnetanken aus den Vorschulräumen gescheucht und am Bande über die Fußgängerzone geführt. Über uns kreist seit einer Stunde mit der Aufdringlichkeit einer Schmeißfliege der Polizeihubschrauber.

Vorschulkinder am Bande

Vorschulkinder am Bande

Federleichte Osterdeko

Federleichte Osterdeko

09
Apr
14

Stockholm im Zwielicht

stockholm zwielicht 1

stockholm zwielicht 2

 

… streng genommen natürlich Gegenlicht…

06
Apr
14

traurig und bestürzt

Als ich vorgestern die Startseite meines Mailanbieters aufrief, sah ich ihr Bild, grau hinterlegt. Auch wenn der Name nicht in der Headline stand, wusste ich sofort, was passiert sein musste. Anja Niedringhaus musste tot sein. Der Klick auf die Nachricht gab traurige Gewissheit, sie war in Afghanistan erschossen worden.  Sie war eine der mutigen Fotografen, die uns hier im sicheren Europa nicht vergessen ließ, dass in vielen Regionen der Welt der Krieg das tägliche Leben und Sterben bestimmt.

Ich erinnere mich an sie, als sie mit ihrer großen Fototasche selbstbewusst über den Schulhof des König-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter ging, eine Brille mit Horngestell auf der Nase, die heute als Nerdbrillen durchgehen, auf dem Oberstufenhof, wo nur die Schüler jenseits der 11. Klasse hindurften. Sie war eine derjenigen, die die Schule nur als notwendigen Zwischenschritt für das, was man wirklich im Leben machen wollte, ansah, deshalb war sie als Lokalreporterin für eine der beiden örtlichen Zeitungen unterwegs und zwar für die deutlich bessere der beiden, die, die kritischeren Geister in Höxter lasen. Manchmal wechselten wir ein paar Worte, denn ihre Mutter wohnte nur drei Häuser weiter, einmal berichtete sie über ein Konzert des Kammermusikensembles, bei dem ich mitspielte, sie fragte mich danach ein paar Dinge, die sie als Nichtmusikerin nicht wusste. Ab und zu konnte ich sehen, wie sie einfach den Bereich der Schule verließ, die Tasche geschultert, zu einem Termin der Zeitung. Ich beneidete sie etwas darum, dass sie weggehen konnte, mir ging es zwar wahrscheinlich ähnlich, dass ich es kaum erwarten konnte, bis die Schule ein für alle mal vorbei war.

Die Ausstellung mit ihren Bildern habe ich mir hier in Berlin vor einigen Jahren angeschaut und lächelnd an die Erinnerung an sie auf dem Schulhof gedacht. Ihre Fotos haben die Menschen nicht “vorgeführt”, sondern mir vor Augen geführt, dass der Krieg die Menschen verändert und das Leid, das sie oft auch zeigten, unter anderen Umständen eben auch mir selber hätte zustoßen können. Ich hätte einfach nur in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geboren werden müssen.

So saß ich vorgestern an meinem Schreibtisch und ich weinte um eine Frau, für die der Krieg kein abstraktes Wort war und von deren bestürzendem Sterben in Afgahnistan voyeuristische Fotos über den Agenturen laufen, die sie selbst nicht gemacht hätte. Die von einem Mann erschossen wurde, der sicher nicht wusste, wer da in dem Auto saß und dass sich Anja Niedringhaus mit ihren Bildern immer auf die Seite der Opfer der Kriege gestellt hat, auch auf seine.




Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 57 Followern an

%d Bloggern gefällt das: