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Erste Erfahrungen

Seit dem 4. September hat unsere Tante Miksgen eine haushälterische Begleitung aus Polen. Die erste neue Mitbewohnerin war nun sechs Wochen bei ihr.
Dorota kam in einem Kleinbus angereist, von Stettin nach Höxter. Mit einer fröhlichen Runde von vier weiteren Damen wirkte sie erst noch entspannt, dann, als der Transporter um die nächste Ecke verschwand, brach die Panik durch. Eine zierliche Frau, die kaum größer als ihr Koffer war, versuchte selbigen ins Haus zu ziehen, was uns dann zu zweit gelang.
Wir hatten ein Zimmer im Obergeschoss schön hergerichtet, Blumen auf den Tisch gestellt, einen Teil der Schränke für die Kleidung ausgeräumt, eine Leselampe am Bett installiert und selbiges frisch bezogen. Das Bad nebenan hatten wir ebenfalls etwas umdekoriert, neue Duschvorhänge, Badvorleger und so einiges mehr.
Dorota freute sich sichtlich und zog das Handy mit dem Übersetzungsprogramm von Tante Gugl hervor. Außer ein paar Bröckchen sprach sie kaum Deutsch, so dass wir auch für unsere Tante die Übersetzungs-App auf dem Pad installieren mussten. Gut, dass sie ein technikaffines Tantchen ist! Dennoch dauerte es eine Weile, bis sie sich eingearbeitet hatte. Und sie vermisst sehr, dass sie sich nicht spontan unterhalten kann. Meine Schwester und ich hofften, durch die neue Mitbewohnerin den Faktor „Einsamkeit“ reduzieren zu können, was sich aber nach kurzer Zeit als getrogene Hoffnung herausstellte. Die Aufgaben für die Haushaltshilfe waren mehr als übersichtlich, eine 40-Stunden-Woche konnten wir garantieren, inklusive Siesta-Zeit und Feierabend nach dem Abenbrot. Pflegerische Hilfe ist bei unserer Tante derzeit nicht notwendig. Ich habe das Wochenende damit verbracht, Dorota in alles einzuführen, im Haus und im Städtchen, Einkaufsmöglichkeiten gezeigt und wo es zum Hausarzt geht. Anders als von der Agentur zugesagt, weigerte sich Dorota allerdings, Auto zu fahren, obwohl ein Führerschein vorhanden war. Fahrradfahren war auch nicht so ihres. Also erledigte sie die Einkäufe zu Fuß, Größeres mussten meine Schwester und ich besorgen, wenn wir da waren.
Die Fähigkeiten Dorotas, Schmackhaftes auf den Mittagstisch zu bringen, um unserer Tante Miksgen das Essen etwas näher zu bringen, trogen leider auch. Möhrensalat ist zwar gesund, aber als Beilage etwa vier Mal in der Woche trug nicht zur Zufriedenheit der zu Bekochenden bei. Ansonsten wurde ein großer Bogen um frisches Gemüse gemacht, so dass die Qualität der zubereiteten Speisen selbst uns von ferne im wahrsten Sinne des Wortes „nicht schmeckte“. So sind meine Schwester und ich – bis auf Ausnahmen – wechselweise weiterhin jedes Wochenende in Höxter, um etwas gegenzusteuern. Und natürlich haben wir am Wochenende für die Verpflegung gesorgt, natürlich nicht nur für die Tante und uns, sondern selbstverständlich auch für Dorota, die sich nach den Mahlzeiten sofort auf ihr Zimmer zurückziehen und uns auch noch das Aufräumen überlassen wollte. Leider musste sie dann doch helfen….
Die Krisensituation innerhalb dieser Zeit konnte sie gar nicht meistern: unsere Tante klagte über Schmerzen in der Brust und wollte nicht aufstehen. Dorota schrieb mir eine Nachricht (auf polnisch) über einen Messengerdienst. Ich antwortet dank Übersetzungsprogramm auf polnisch, sie rief an und gab den Hörer an die Putzfrau weiter. Beide Damen waren sichtlich aufgeregt und kaum zu beruhigen. Der Bitte, meine Tante ans Telefon zu holen, kamen sie nicht nach. Und immer wieder: „Sie hat Schmerzen…“ Was sollte ich machen? Die beiden Damen waren nicht in der Lage, die „112“ und damit die Rettung zu verständigen, was ich dann nach zwei weiteren Telefonaten mit den beiden aus knapp 400km Entfernung gemacht habt. Die Rettung war schnell da und nahm unsere Tante aufgrund ihrer Vorerkrankung kurzerhand mit. Die Bitte an die Putzfrau, den bereits gepackten Koffer mitsamt der Hörgeräte und dem iPad, die für die Kommunikation so unglaublich wichtig sind, unverzüglich dem Krankenwagen hinterher zu bringen, kam sie gar nicht nach. Erst gegen Abend brachte sie den Koffer an die Krankenhauspforte und unsere Tante hatte kurz vor Mittag am Folgetag endlich ihre Sachen, trotz meiner fernmündlichen Bitten. Immerhin konnte ich mit dem behandelnden Arzt sprechen, immerhin hatte mein Anruf beim Hausarzt bewirkt, dass der an der medizinischen Versorgung der Tante beteiligte Arzt aus dem Krankenhaus schnell über wichtige Infos verfügen konnte.
Das dicke Ende kam dann wirklich zum Ende: als Dorota zurück in den Kleintransporter nach Stettin stieg, gingen meine Schwester und ich durch Zimmer und Bad und mussten zu unserem Entsetzen eine für sechs Wochen sehr lange Liste an Schäden verkraften. Die Agentur bietet 50 € Schadensregulierung für einen kaputten Toilettendeckel, einen durch verschüttetes und nicht weggewischtes Hochprozentiges ruinierte Tischplatte, ein verklebtes Sofa und eine aus der Verankerung gerissene Leselampe über dem Bett. Es kann passieren, dass Dinge zu Bruch gehen, aber als erwachsene Frau sagt man dann auch etwas, entschuldigt sich eventuell noch. Wir haben für das nächste Mal gelernt und gehen vor Abreise durch Zimmer und Bad.
Unsere Tante war erleichtert, als die Zeit mit Dorota zuende war, uns tut es unendlich leid, dass wir im Moment nicht mehr für sie tun können. Es ist anstrengend, diese Kümmerei aus der Ferne, was wir beide ja nicht tun würden, wenn wir beide „unser Miksgen“ nicht so lieb hätten.

 


7 Responses to “Erste Erfahrungen”


  1. 1 Philipp Elph
    25. Oktober 2020 um 19:46

    Das ist wirklich ernüchternd. Mit Schrecken denke ich (73 Jahre alt), was mir in einer derartigen Situation passieren könnte. Fazit: Auch wenn es mir und meiner Frau schwerfällt, sich von unserem Häuschen zu trennen, würden wir dennoch in ein Betreutes Wohnen oder Heim ziehen wollen, wenn ersichtlich ist, dass wir es nicht mehr allein stemmen können. Ich verstehe aber auch die Situation noch Älterer, die sich darauf nicht mehr einstellen können oder wollen, zumal ein Platz in einem Heim nicht immer mit positiven Erlebnissen verknüpft ist. So jedenfalls unsere Erfahrungen mit meiner Mutter und aus unserem Bekanntenkreis. Zur rechten Zeit die richtige Entscheidung zu treffen, das ist eine schwierige Angelegenheit. Fest steht allerdings für uns, dass wir unsere Kinder soweit wie möglich nur in geringem Maß für die Betreuung von uns binden wollen. Wie es kommt, wissen wir allerdings erst, wenn Entscheidungen anstehen.

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    • 25. Oktober 2020 um 21:53

      Das Wichtige ist, sich frühzeitig mit seinen Lieben auszutauschen, was man möchte. Und die eigene Wohnsituation einmal kritisch zu hinterfragen. An sich haben unsere Tanten (damals noch zwei) das Haus so gebaut, dass eine „Pflegerin“ einziehen könne. Aber es war eben eine theoretische Überlegung vor etwa 30 Jahren. Damals dachten sie, dass es kein Problem sein würde, wie in der Schwarzwaldklinik oder dem Traumschiff jemanden zu haben, eher so eine Art Gesellschafterin. Dass die Hilfe anders sein würde, daran dachten sie damals nicht.
      Meine Schwiegermutter wohnt auch noch alleine, nur über Treppe erreichbar in einer 130 qm-Wohnung. Sie hat die Erwartung, dass ihre Tochter und Schwiegersohn sie umfassend versorgen und lehnt jedes Gespräch über „Plan B“ ab. Schwierig…

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      • 3 Philipp Elph
        25. Oktober 2020 um 23:09

        Ja, das kann alles sehr schwierig sein. Jede/r macht sich eigene Gedanken darüber und nicht immer sind alle Interessen und Möglichkeiten unter einen Hut zu bringen. Zudem ändern sich – wie du es angesprochen hast – Situationen. Andererseits nimmt die Flexibilität und die Bereitschaft sich an neue Gegebenheiten anzupassen mit zunehmendem Alter ab. Ich bemerke bei mir eine derartige Veränderung auch schon.

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  2. 26. Oktober 2020 um 11:13

    Schade, dass ihr beim ersten Mal solch ungute Erfahrungen machen musstet. Bei meiner leicht dementen Mutter wohnen seit ca. 2,5 Jahren zweimonatlich wechselnde, meist polnische Damen. Da war natürlich auch die eine oder andere unangenehme Erfahrung dabei. Hochprozentige Exzesse und unliebsame Überraschungen nach der Abreise etwa. Aber: Insgesamt klappt das ganz ordentlich. Manches hängt an der betreuenden Agentur. Und natürlich an der eigenen Bereitschaft, viel zu kommunzieren. Auch wenn es schwierig wird…

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    • 26. Oktober 2020 um 19:49

      Da unsere Tante geistig ziemlich fit ist, kann sie zum Glück die Übersetzungs-App bedienen, aber es wird sicher noch dauern, bis sie sich an die Situation gewöhnt hat. Und wir auch… Wir hoffen weiter ;-)

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  3. 26. Oktober 2020 um 11:47

    Da wird das Alter auch für mich noch einiges bereithalten…. Gut Deine Organisationskraft. Grüsse tom

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