08
Feb
14

Abendspaziergang zum „Kühlen Brunnen“

Allmählich komme ich in Halle, also in der Innenstadt von Halle, doch etwas herum, zumal wenn Besuch da ist, mit dem man auf Erkundung geht. So war es denn auch letzte Woche schon später Nachmittag, als sich die Schatten der Häuser scharf und akzentuiert gegen den dunkler werdenden blauen Himmel abhoben.

Hinter der Stadtkirche und Hallorencafé liefen wir in die kleiner werdenden Gassen, vorbei an liebevoll restaurierten Gebäuden und solchen, die noch auf eine Zuwendung durch kundige Handwerker warten, mit ein paar eingestreuten Plattenbauten.

Ein großer Gebäudekomplex, welcher offensichtlich aus der Renaissancezeit stammt, erstaunte uns. Eine Renovierung steht hier noch aus, das Schild „Ärztehaus“ hängt auch schon länger nutzlos an der Tür. „Kühler Brunnen“, was mochte sich wohl hinter diesem Straßenschild verbergen? Unter schummerig beleuchteten Durchgängen saßen ein paar ältere Herren beim um die Ecke geholten Getränk aus der Dose, sie grüßten, wir genauso freundlich zurück, was für sie eher überraschte. Auf der anderen Seite grüßten uns aus toten Fenstern lebensgroße Portraits, die den Cranachbildern des 16. Jahrhunderts nachempfunden waren. Ein Kardinal, eine Frau und ein Mann in Gewandung des 16. Jahrhunderts, eine Maria mit Jesuskind, ein Soldat, nicht wirklich mit den Fertigkeiten der echten Cranachwerkstatt ausgeführt, aber viel besser als leere, tote Fenster, die vom Verfall des prächtigen Anwesens künden.Erst später, am allwissenden Internet, konnten wir uns die Geschichte zusammen puzzeln.

Das Anwesen wurde von Hans von Schönitz in den 1520er Jahren errichtet, als er, zunächst mit dem Bruder zusammen, die Geschäfte des Vaters übernommen hatte, welcher seit 1520 in den Diensten einer der schillernsten Persönlichkeiten am Vorabend der Reformation, Kardinal Albrecht von Brandenburg, stand. Hans von Schönitz wird der Günstling und Finanzier des von stetem Geldbedarf umgetriebenen Geistlichen, der den weltlichen Genüssen ganz und gar nicht abhold ist, ab 1528 sogar oberster Kämmerer und Beauftragter des Kardinals für die städtebauliche Umplanung der Saalestadt. Aber dann kommt es zum Bruch zwischen den beiden Männern, der mächtige Kardinal lässt von Schönitz zunächst fallen und dann am Ende eines Prozesses hinrichten. Der Grund? Wahrscheinlich ist diese Frage mit „Cherchez la femme“ zu beantworten: 1531 sollte von Schönitz die schöne Sängerin Belina Mazarotti aus Frankfurt/M. nach Halle begleiten. Es scheint so, als ob sich die beiden auf dem langen Weg in der schaukelnden Kutsche näher kamen, als für beide gut war und dieses vertraute Verhältnis auch in Halle beibehielten. Der offizielle Grund für den Prozess 1534 gegen von Schönitz sind schlussendlich 59 000 fehlende Gulden in der Kasse des Kardinals,  die der Bankier wahrscheinlich für private Ausgaben des Renaissancekirchenfürsten irgendwie „umbuchen“ musste. Aber das Ergebnis der Rechnungsprüfung war der Vorwand, von Schönitz Veruntreuung vorzuwerfen und ihn nach dem Urteil am Galgen aufzuhängen.

Albrecht erging es auch nicht mehr sehr lange gut in Halle: Zusammen mit seinem Bruder, dem Kurfürsten von Brandenburg stellten sie sich gegen den aus protestantisch geprägten Städten und Fürsten gebildeten Schmalkaldischen Bund, auf die Seite des katholischen Kaisers Karl V. von Habsburg. Dieses und die Hinrichtung Schönitzens veranlassten sogar Luther zu einer Schmähschrift gegen Albrecht von Brandenburg, der schließlich 1641 aus Halle vertrieben wurde.

Der einstmals prächtige Gebäudekomplex verfällt leider immer mehr, er ist seit den späten 1990er Jahren in Besitz einer Investorengruppe, die offensichtlich wenig Interesse an den Gebäuden in der „zweiten“ Reihe hinter dem Markt haben, die sicherlich (zu Recht) nur mit hohen Auflagen des Denkmalschutzes saniert werden dürfen.

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5 Responses to “Abendspaziergang zum „Kühlen Brunnen“”


  1. 15. Februar 2014 um 16:57

    Am kühlen Brunnen würde ich mich ganz gerne mal behandeln lassen. Und zwar durchaus hinter verschlossenen Türen. :-)

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  2. 3 karu02
    15. Februar 2014 um 18:58

    Das mit dem Umbuchen war wohl immer schon üblich. Danke für die ausführliche Stadtführung.

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  3. 16. Februar 2014 um 17:14

    Vor mehr als 30 Jahren 1979/80 war ich recht häufig in Halle unterwegs. Meine damalige Freundin studierte dort. Sicher hat sich seitdem Manches verändert, Vieles aber auch nicht, wie man sieht. Auf jeden Fall hat die Stadt das eine, oder andere Schöne zu bieten.
    Mein Großvater kam in Halle zur Welt und wuchs dort auf. Sein Vater wiederum war Bahnmeister dort ( um 1900 ) …
    Es gibt also gewisse Verbindungen meinerseits in diese Stadt der „Hallenser, Halunken und Halloren …“ ;)

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