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Jan
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Dona nobis pacem

Dies ist die Fortsetzung des Sternsinger-Beitrages, es bleibt weiter eher traurig!

Es hatte drei Stunden gedauert, bis vom hausärztlichen Notdienst (Wochenende auf dem Land!) jemand kam, um den Totenschein für unseren Vater auszustellen.

Die Untersuchung dauerte etwa eine halbe Stunde inklusive unserer Befragung. Der Arzt war selber schon im Rentenalter, er war von Detmold aus nach Höxter gefahren (Wochenende auf dem Land!), was etwa 50 km sind.
Ich rief den Bestatter an, der in der 3. Generation in unserer Familie für die angemessenen Beerdigungen sorgt und nebenbei gesagt inzwischen der einzige am Ort ist. Sie ließen uns ausreichend Zeit, so konnte die Lebensgefährtin auch ihre Verwandt- und Bekanntschaft benachrichtigen, die zum Schauen kamen. Natürlich wurde früher der Tote zuhause aufgebahrt, auch bei unserer Mutter Ende der 1980er Jahre bestand unser Vater noch darauf. Allerdings erst nachdem der Leichnam hergerichtet war. Hier widerstrebte es uns sehr, ihn so, wie er im Bett lag, Fremden vorzuführen. Wir konnten es nicht verhindern. Erst gegen Abend kam der Bestatter und vollzog sein Zauberwerk.
Am Folgetag gingen wir zum Bestatter, um den Sarg auszusuchen, den Termin für die Beerdigung festzulegen und den Papierkram zu übergeben.
Freundlicherweise kümmern sich Bestattungsunternehmen heute um die Meldung beim Standesamt (Sterbeurkunde), bei der Rente/Arbeitgeber, Krankenkasse, also bei den Stellen, die vom Tod verwaltungstechnisch als erstes erfahren sollten. Natürlich sollte es auch eine Todesanzeige in der Lokalzeitung geben, Trauerkarten verschickt werden und die Einzuladenden zum Beerdigunskaffee bestimmt werden. Auch die Beerdigung selber mit vorangehender Andacht musste geplant werden, in Zeiten von Pastoralverbünden ist es auch gar nicht so einfach, einen Priester zu finden, der Zeit für eine kirchliche Zeremonie hat, nicht einmal mehr auf dem Land!
Es war also eine Menge zu tun, meine Schwester hatte sich bereits Gedanken über das Bibelzitat für die Karten und die Zeitung gemacht, sie fand auch drei wunderbare Musikstücke für die Beerdigung, die sehr gut zum Leben unseres Vaters passten.
Zusammen mit der Tante hatten wir uns auch Gedanken über die Gestaltung gemacht, etwas, was wir auf gar keinen Fall aus der Hand geben wollten. Als an jenem Montag nachmittag der von uns ausgesuchte Priester kam, konnten wir ihm einen langen Zettel mit Einzelheiten aus dem Leben unseres Vaters mitsamt Daten und seinen Eigenheiten und Vorlieben in die Hand geben. Wir besprachen auch die Musikstücke, insgesamt war das Thema „wohlbehütet in der Herde sein“. Ich rechne es dem Geistlichen hoch an, dass er sehr genau zuhörte und verstand, was wir ihm sagten. Als die Lebensgefährtin befragt wurde, was ihr wichtig sei, kam nur, dass es nie ein böses Wort zwischen ihnen gegeben habe (stimmt definitiv nicht!) und dass sie ihn lange Jahre gepflegt habe. Es stimmt zwar, dass er in den letzten Jahren nicht mehr der fitteste Mensch war, aber ein Pflegefall, wie sie es darstellen wollte, war er nicht. Und dann kam von dem Geistlichen eine Antwort, die genau passte: „Aber Sie haben es sich doch gegenseitig versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten!“ Etwas, was er in der Andacht wiederholen würde: mein Vater und seine Lebensgefährtin hatten vor vielen Jahren in einer rein kirchlichen Zeremonie so etwas wie eine Hochzeit begangen. Eine standesamtliche Trauung gab es nie, denn beide wollten ihre jeweilige Hinterbliebenenrente behalten.
Der Tag sollte noch mehr Überraschungen für uns bereithalten: Beim Friedhofsgärtner bestellten wir auftragsgemäß das Herz aus Rosen für die Dame und suchten für die Tante und uns zusammenpassende Gebinde aus, die wir auch als Sargschmuck nahmen. Da die Aufdrucke für die Kranzbinden mit den üblichen Wendungen bereits vergeben waren, mussten wir uns etwas Eigenes einfallen lassen. Wir wollten etwas mit für uns besonderer Bedeutung, was die Situation beschreiben würde. Der Friedhofsgärtner hielt uns zwei Din A 4 Seiten mit Sprüchen hin, und das erste Mal seit ein paar Tagen konnte ich herzhaft lachen, denn es stand recht weit oben auf der ersten Seite „Endlich Ruhe!“ Ehrlich! „Endlich Ruhe!“ Sehr gerne hätte ich dieses genommen, denn bis wir endlich Ruhe haben sollten, würde noch sehr viel Zeit in’s Land gehen, das wussten wir schon nach diversen Schreiereien und Anschuldigunegn in den letzten Tagen! Wir entschieden uns für „Dona nobis pacem“ (Gib uns Frieden). Wenn auch dieser Wunsch eher unser war, so passte er gut auf die kommende Zeit. Zum Schluss gab es noch Bio-Zitronen zum Mitnehmen!
Die Beerdigung war noch einmal etwas, an das meine Schwester und ich nur mit Traurigkeit und viel Kopfschütteln zurückdenken. Der Priester hielt eine schöne Andacht, viel von unseren Gedanken hatte er einfließen lassen und die Musik brachte mir einerseits Ruhe und doch wühlte sie mich auf. Später wurden wir mehrere Mal nach den Stücken gefragt, weil sie so gefallen hatten, dabei weitab von den Beerdigungsklassikern.
Als der Sarg aus der Kapelle geschoben wurde, bemühte sich die Familie der Lebensgefährtin sich vorzudrängen, wir hatten der Frau durchaus den Vortritt lassen wollen, aber mehr auch nicht! Die Posse ging noch weiter: nachdem der Sarg in das Grab gesenkt worden war und wir verharrten, verweigerten uns ein Großteil der Bekannten der Lebensgefährtin die kleine Geste der Anteilnahme, die man üblicherweise den Hinterbliebenen erweist. Ich dachte immer, dass so etwas nur in preisgünstig hergestellten Filmen vorkommt.
Und auch beim Beerdigungskaffee, um den es vorher Ärger gegeben hatte, hörte es nicht auf: eine Nachbarin drohte mir mit Anwälten, wenn wir nicht täten, was die Lebensgefährtin wolle. Und überflüsisg zu sagen, dass unsere ursprüngliche Kalkulation von etwa 30 Gedecken, die wir auf ihr Gezeter hin auf 50 erhöht hatten, genau gepasst hätte. Aber so ließ sich die Dame die Reste einpacken, von dem sie ihre Gefolgschaft noch mehrere Tage bewirten konnte. Bezahlt wurde es alles von unseres Vaters Konten.
Der Ankündigung der Dame, dass sie etwas zu den Beerdigungskosten dazugeben würde, folgten keine Taten.

dnp_

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3 Responses to “Dona nobis pacem”


  1. 1 Eva
    12. Januar 2017 um 16:56

    Es wäre seltsam, einen Text über derartige Abstusitäten zu „liken“ – ich bin sprachlos…

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  2. 30. Januar 2017 um 17:39

    Ganz normale Begebenheiten – meine Erfahrungen sind nicht erzählbar.

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    • 30. Januar 2017 um 19:51

      Ja, wahrscheinlich ist es ganz normal. Da ich mich als gut erzogen betrachte, war ich doch an manchen Stellen fassungslos. Mir hilft das Erzählen, zu verarbeiten, oft genug erzählt habe ich das eine oder andere, nun kommt das hier…

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