09
Jan
17

Sternsinger

Als die Sternsinger im Flur standen, nur durch eine Tür von ihm getrennt, ist er gegangen. Ohne sich zu verabschieden. Als ich an sein Bett zurücktrat, war er weg.
fa
Heute vor einem Jahr ist mein Vater gestorben.

Er hat nicht lange körperlich leiden müssen, denn es hat nur etwa einen Monat gedauert, von seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus, wo er wegen akuter Atemnot zwei Tage behandelt wurde, bis zu seinem letzten Atemzug. Die letzten zweieinhalb Jahre waren von fortschreitender Demenz, begleitet von einer Art Miniaturschlaganfälle und -herzattacken, die seine Lebensgefährtin vor der Umwelt zu verschleiern versuchte. Als meine Schwester und ich dessen gewahr wurden, bemühten wir uns, das tägliche Leben zu erleichtern, regten eine Pflegestufe an, bemühten uns um den barrierefreien Umbau des Bades im Erdgeschoss des eigentlich zu großen Hauses und mussten immer wieder bittere Pillen der Zurückweisung schlucken. Das Verhältnis zu unserem Vater war seit vielen Jahren nicht mehr sehr eng gewesen, die Lebensgefährtin wollte uns augenscheinlich nicht sehr präsent in seinem Leben haben und er ließ es sich gefallen. Ähnliche Geschichten sind Legion… Dennoch bemühten sich unsere Tanten immer wieder, uns zusammenzubringen, sei es zum Kaffeetrinken bei ihnen oder zum abendlichen Glas Wein. Gegeneinladungen kamen nicht, in den letzten Jahren wurden meine Schwester und ich samt unserer Familien vom Mittagstisch zum 1. Weihnachtsfeiertag ausgeladen, lediglich zwei Stündchen zum Kaffeetrinken durften wir vorbeikommen. Es sei ihr zu viel Arbeit, sagte unser Vater. Offensichtlich nur bei uns, denn ihr Sohn samt Familie war weiterhin gerne gesehen.
Dennoch sind wir bei fast jeder Benachrichtigung, dass der Vater wieder ins Krankenhaus gemusst habe, die wir zumeist über unsere Tante bekamen, losgefahren, waren dort.
Als unser Vater das letzte Mal aus dem Krankenhaus kam, war meiner Schwester und mir klar, dass er nur noch wenig Zeit haben würde, die Durchblutung der Füße war schon stark eingeschränkt. Da ich eine Menge Urlaub aufgespart hatte, konnte ich nach Höxter fahren und manche Dinge gegen den Widerstand der Lebensgefährtin in die Hand nehmen. Meine Schwester, die auch schon den Papierkram für die erste Pflegestufe übernommen hatte, beantragte die zweite. Überraschenderweise (Kleinstadt sei Dank!) funktionierte das. Für mich war das Erste der Gang zum Hausarzt, wo ich bestürzt erfuhr, dass unser Vater dort das letzte Mal vor etwa einem Jahr gewesen war. Ich erzählte dem Hausarzt, wie es um meinen Vater stand und er mir, dass die Lebensgefährtin bei ihren eigenen Besuchen berichtet habe, dass es meinem Vater gut ging. Allerdings hatte der Arzt bei Vaters letztem Besuch wohl darauf hingewiesen, dass mein Vater aktiv mitarbeiten müsse, etwas, was der Patient gar nicht gerne gehört habe. Wenige Stunden später kam der Hausarzt zur Visite und war sichtlich geschockt, als er meinen Vater sah und sprach. Er sorgte sofort für den Kontakt zum örtlichen Palliativnetzwerk, die sich auch sehr schnell bei uns meldeten. Arzt und Beraterin waren am selben Tag noch bei uns, sprachen mit unserem Vater und mit der Lebensgefährtin und mir.
Der Lebensweg war kurz und wurde zusehends kürzer und steiniger für den Vater. Konnte er am Tag nach der Krankenhausentlassung noch aus eigener Kraft die Treppe in den 1. Stock hinaufsteigen, ging dies am nächsten Tag hoch- und hinunter nur noch mit vereinten Kräften. Auch die eigenständindige Essensaufnahme stellte er nach einigen Tagen ein, flüssige Speisen und Getränke konnte er nur noch mit Hilfe zu sich nehmen, unterhalten konnte er sich schon noch. Die Lebensgefährtin war mit der Pflegesituation zunehmend überfordert, lehnte zunächst kategorisch jede Hilfe, die sie als Einmischung verstand ab. Schließlich setzten sich meine Schwester und ich über die lautstark vorgebrachten Einwände hinweg, bestellten den Pflegedienst und ein Pflegebett. Zu viert trugen wir unseren Vater die Treppe hinunter, er war inzwischen sehr schmerzempfindlich. Und dank der guten Unterstützung durch Haus- und Palliativarzt war der regelmäßige Pflegedienst nur Stunden später mit an Bord, ebenso konnte die Schmerztherapie einsetzen.
Leider war der Hausarzt über die Feiertage im wohlverdienten Urlaub, so dass die Entscheidung, die allnächtliche Dialyse abzustellen, von der Lebensgefährtin nicht mitgetragen wurde. Hier hätte es ein Machtwort des Arztes gebraucht, denn die Patientenverfügung des Vaters sah uns alle drei in der Verantwortung, die sie nicht mittragen wollte. Das tägliche Telefonat mit dem etwa 60 km entfernten Facharzt war wenig hilfreich, denn dieser konnte natürlich keine Entscheidung treffen, ohne den Patieten zu sehen. Und die Dialysewerte waren unauffällig, so wie sie aus dem Gerät kamen. Nur die Morphingaben wurden von Tag zu Tag angepasst, die Pflegerinnen konnten ihn nicht mehr anfassen, ohne dass er vor Schmerzen wimmerte. Die Durchblutung in den Extremitäten ließ auch immer mehr nach. Wir saßen abwechselnd an seinem Bett, mitunter war er wach und ansprechbar, aber diese Zeiten wurden immer kürzer.
Als fürchterlichen Tag habe ich auch seinen Geburtstag in Erinnerung, der 2. Januar 2016, sein 80. Die Lebensgefährtin hatte es sich nicht nehmen lassen, Freunde einzuladen, auch ihr Sohn mitsamt Familie war da. Mein Vater wusste, dass es sein Geburtstag war, er bemühte sich, möglichst lange wach zu bleiben. Es fiel ihm offensichtlich sehr schwer. Und fürchterlich war es für mich und meine Schwester, dass er – aus unserer Sicht – den Bekannten regelrecht „vorgeführt“ wurde, damit alle sahen, wie „schwer“ es doch die Lebensgefährtin hatte.
Der Hausarzt war gleich am ersten Tag nach seinem Urlaub zum Hausbesuch da und unterstützte uns voll und ganz in unserer Entscheidung, die Dialyse abzustellen. Auf die Einwände der Lebensgefährtin reagierte er mit einem „Wollen Sie ihn noch länger leiden lassen?“
Sechs Tage sollte es noch dauern, am Tag vor seinem Tod kam auch jemand, der den Antrag auf die zweite Pflegestufe begutachtete. Die dritte käme ja nicht in Frage, weil man nicht so viel Zeit für die Pflege bräuchte, da er nur im Bett liegen würde.
Die Sterbesakramente, auf die er in seiner Patientenverfügung bestanden hatte, bekam er kaum mit. Dafür drängte ein befreundetes Ehepaar, welches die Lebensgefährtin dazu geladen hatte, meine Tante und die Schwester zur Seite. Ich war für einen Tag nach Hause gefahren, weil mein Liebster Geburtstag hatte und ich auch einen Tag Abstand brauchte.
Dafür war ich alleine da, als die Sternsinger klingelten.

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2 Responses to “Sternsinger”


  1. 9. Januar 2017 um 21:37

    Herzlichen Dank für diesen Bericht !

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  2. 10. Januar 2017 um 09:39

    Er wird immer bei Dir sein.

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