Posts Tagged ‘Preußen

17
Mrz
12

Monbijou – ein Augenblick

Bei einem Spaziergang bei bestem Sonnenwetter durchquerte ich schlendernd den Monbijoupark zwischen Spree und Oranienburger Straße. Das übliche Szenario, sobald die Sonne etwas Wärme verschenkt: der noch vom Winter recht schwächliche Rasen war gesprenkelt von Leuten, die unbedingt ihr Hinterteil leicht erdfarben einfärben wollten. Ich musste grinsen, ging weiter und dachte an Kindertage, als meine Schwester und ich auch unbedingt ein erstes Picknick mit der Puppenschar im Garten abhalten wollten. Und natürlich gab es Schimpfe, wenn die Spieldecke und unsere zarten Rückseiten feucht vom nassen Boden wurden.

In den engen Straßen und kleinen Parks fällt es mir immer schwer, verschwundene Gebäude vorzustellen, südlich der S-Bahn am Hackeschen Markt die ehemalige Berliner Garnisonkirche, hier gar ein ganzes Schloss, welches zumeist von den alleine gelassenen preußischen Köninnen bewohnt wurde, das Schloss Monbijou.

Nachdem das im 20. Jahrhundert als „Hohenzollernmuseum“ genutzte Gebäude 1943 ausgebrannt war und schlussendlich 1959 ganz abgerissen wurde, blieb nur noch das Gelände mitsamt einem Schwimmbad für Kinder und Liegewiese für Berliner und Zugereiste.

2006 wurde bei Umgestaltungsarbeiten eine Spolie des Schlosses entdeckt, die nun, einsam wie weiland im 18. Jahrhundert die vom Gatten ungeliebten preußischen Königinnen halb aus der Erde in das gleissende Licht der Berliner Gegenwart blinzelt.

Ein Stücke architektonischer Heiterkeit des 18. Jahrhunderts

04
Mrz
12

Straupitzens Kirche

Während des vorletzten Jahrhunderts war der Wille des Gutsherrn so ähnlich wie das Gesetz. Er kam in der bäuerlichen Hierarchie direkt nach dem mehr oder weniger lieben Gott und deutlich vor dem Pfarrer und dem Lehrer oder dem Landpolizisten oder dem Dorfschulzen. Und wenn es dem Gutsherrn einfiel, dass sein Hauptdorf schöner werden sollte, dann wurde es auch so gemacht. Da die Fachwerkkirche in Straupitz, in der die Gemeinde fein säuberlich durch zwei Zugänge in deutsche und wendische Glaubensgeschwister getrennt war, baufällig geworden war, musste sich der amtierende Patron von Straupitz und der umgebenden acht Dörfer, Carl Heinrich Ferdinand Freiherr von Houwald 1826 etwas einfallen lassen. Immerhin gehörten etwa 2000 Menschen zu seiner Herrschaft, die auch mit dem Kirchgang ausgeübt wurde. Die Kirche im Dorf wurde nicht mehr genutzt, da wo der Patron residierte, wurde der Gottesdienst abgehalten: Ende der Diskussion!

Wie genau der berühmte Friedrich von Schinkel als Architekt gewonnen werden konnte, ist nicht ganz geklärt, aber er sollte einen für etwa 1700 Menschen Platz bietenden Kirchenbau planen. 1826 standen die Pläne, 1828 wurde die alte Kirche abgerissen und mit dem Bau der großen neuen begonnen. Die Baukosten lagen mit geschätzten 24.000 Talern weit über dem üblichen 8.000 für Dorfkirchen. Es kam wie es kommen musste: trotz vorgeschlagener Einsparungen in die Innenausstattung kostete der Bau schlussendlich 30.000 Taler, von denen sogar der preußische König Friedrich Wilhelm III. 2.000 übernahm. Blieben immer noch 28.000 Taler für den Patron von Straupitz übrig. 1832 wurde die Kirche in einem feierlichen Gottesdienst geweiht, alle Gläubigen, egal ob deutsch oder wendisch, betraten sie nur noch durch die drei großen Türen an der eindrucksvollen Nordostfassade mit den beiden Türmen, die so imposant sind, dass die Kirchgänger sich wohl nur klein vor dieser mächtigen Burg des preußischen Protestantismus fühlen können.

Inzwischen sind die Jahre ins Land gegangen, die Herrschaft derer von Houwald ist dahin, auch die Kirche musste inzwischen mehrfach renoviert werden, das letzte Mal vor wenigen Jahren. Es gibt eine Kirchengemeinde, die Sonntags hier noch ihren Gottesdienst feiert und dann auch das Gebäude für Besucher öffnet, jeweils um 11 und um 15 Uhr für eine Stunde.

Leider hatte ich Pech, denn mein Besuch fiel genau in die Zeit dazwischen und so sehr ich an den drei schweren Türen rüttelte, mir wurde nicht aufgetan.

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Gegenüber auf dem Platz findet der Besucher eine Säule mit den Namen der für Preußen gefallenen Spreewälder aus des Herrn Patrons Beritt:

1864 – deutsch-dänischer Krieg (Holstein, Schleswig und Lauenburg wurden dem deutschen Bund zugeschlagen)

1866 – deutscher Krieg (Österreich schied am Ende aus dem deutschen Bund aus, Preußen war die stärkste Macht)

1870/71 – deutsch-französicher Krieg, an dessen Ende die Gründung des „deutschen Reiches“ unter der Herrschaft des (ehemaligen) preußischen Königs als Wilhelm I. als deutscher Kaiser.

Die Namen der gefallenen Landeskinder sind im weichen Kalkstein fast verschwunden, nur wenn die Sonne etwas Schräglicht gibt, kann man sie noch entziffern.

02
Okt
09

Tracing James K.

Vor nunmehr fast drei Monaten bekam ich Post aus Schottland, und zwar gewichtige: wunderbares Büttenpapier, wunderbarer Inhalt des Briefes, rein beruflich versteht sich, von einem Dozenten für frühneuzeitliche Geschichte der ersten Universität Schottlands an mich adressiert. Es ging dabei natürlich um schottische Geschichte und zwar um die Rolle, die schottische Soldaten im Dreißigjährigen Krieg in Diensten der schwedischen Armee in Deutschland spielten.

Da mein Büttenpapier gerade aufgebraucht war, entschied ich mich, ganz neuzeitlich per e-mail zu antworten. Kaum ein paar Wochen und fünf e-mails später stand ich eines Mittwochs im August in Schönefeld am Flughafen, um zwei Kollegen abzuholen. Außer dem Dreißigjährigen Krieg standen auch noch zwei Generäle Friedrichs des Großen auf ihrer „To-do-List“.

Bis zu jener schottischen Anfrage zu James und George Keith hatte ich zu meiner Schande weder von dem einen noch von dem anderen jemals gehört. Eine geschickte Internetrecherche bot mir jedoch die Möglichkeit, mich in aller Kürze zu informieren. Und so entstand die Idee, am ersten Tag ihrer Reise, auf den Spuren von James Keith in Berlin zu wandeln.

Das Leben von James Keith glich einer Art Achterbahn, sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht. 1696 auf Inverugie Castle als jüngerer Sohn einer dem schottischen Hochadel angehörenden Familie geboren, hatte sich James Francis Edward Keith zusammen mit seinem älteren Bruder George 1715 und 1719 an den Jakobitenaufständen beteiligt und war daraufhin aller Besitzungen und Titel entsetzt und flohen aus Schottland. Frankreich, Italien und Spanien waren die Stationen seiner Exilzeit, bis er schließlich in russischen Diensten zwischen 1728 und 1747 immerhin Gouverneur der Ukraine wurde. Gefördert wurde seine Karriere bis zu ihrem Tod 1740 von Zarin Anna Iwanowa und danach von deren Nachfolgerin Elisabeth Petrowna. Eine einseitige und zu innige Zuneigung der Herrscherin zu ihrem wackeren Schotten brachte einen erneuten Einschnitt in James Keith Leben mit sich: obwohl er in den russisch-schwedischen Auseinandersetzungen (1741  – 1743) militärisch erfolgreich gewesen und faktisch Herr über Finnland war, bat er um die Entlassung aus der russischen Armee und wechselte 1747 nach Preußen, wo ihn Friedrich II. von Preußen hochbeglückt in seine Dienste übernahm und ihm 1749 den Governeursposten für Berlin übertrug.

Neben seinem farbigen Diener brachte James zwei Söhne und deren Mutter, einer Schwedin (da sind sich die Quellen nicht ganz einig: Waise oder Kriegsgefangene) namens Eva Mertens mit. Verheiratet waren James und sehr viel jüngere Eva nicht, denn sie war seiner Familie offensichtlich nicht standesgemäß genug. Die lebenslustige Eva verdrehte in den etwa zehn Jahren ihrer Potsdamer Zeit zwar nicht dem „alten Fritz“ den bezopften Kopf, wohl aber dessen Bruder Heinrich, so dass James von seinem Dienstherrn nach einer offensichtlich besonders berauschenden Ballnacht erfuhr, dass die inzwischen etwa 25-jährige Eva in Preußen zur persona non grata geworden war. Eva ging und James widmete sich fortan voll und ganz dem Siebenjährigen Krieg in den Diensten des gestrengen Preußenkönigs, der ihn und seinen älteren Bruder George zu seinem engeren persönlichen Umfeld zählte.

1758 fiel der inzwischen 62-jährige Feldmarschall schließlich während eines Überfalls der österreichischen Armee auf das an militärisch unglücklicher Stelle errichtete preußische Feldlager bei Hochkirch/Sachsen.

Der trauernde Preußenkönig widmete seinem Feldherren und Freund eine eigenhändig getextete Trauerode und ließ seinen einbalsamierten Leichnam 1759 in die Berliner Garnisonkirche überführen, sozusagen in der Hall of Fame der preußischen Militärs und derer, die sich um Preußen verdient gemacht hatten.

Aber zurück zu meinem schottischen Besuch: Unser kleines Projekt „Tracing James K.“ sollte am Zietenplatz, ehemals Wilhelmsplatz in Mitte losgehen, denn dort sollte das Denkmal von James stehen, welches im späten 18. Jahrhundert zusammen mit fünf weiteren Generalkollegen als Freiluft-Hall of Fame dort errichtet worden war. Immerhin hat es James Keith in Metallform hier bis in die letzten Kriegstage ausgehalten, erst Ende der 1940er Jahre wurde sein Abbild in irgendwelche Depots geschafft und verblieb dort, bis sich vor einiger Zeit  die Schadow-Gesellschaft an ihn erinnerte. Mit dem Ziel, Mitte wieder Teile seines historischen Antlitztes zurückzugeben, wurde James mit Spendengeldern fachmännisch restauriert und sollte nun mit den Kollegen wieder das Sonnenlicht erblicken. Nun begaben wir uns also mit einem kleinen Spaziergang am Brandenburger Tor vorbei Richtung Mohrenstraße/Wilhelmplatz. Man sah schon, dass die Wiederherrichtung des Platzes in den letzten Zügen lag, von weitem konnte man auch schon drei metallene Generäle erblicken. Mein Besuch begann schon, sich mächtig zu freuen! Aber, ach-weh!

Coming soon...

Coming soon…

An dem Platz, an dem James Francis Edward Keith stehen sollte, empfing uns ein großes Plakat mit der Ankündigung, dass er nach dem 24. September 2009 hier wieder zu bewundern sei. Also waren wir einen Monat zu früh dran! Noch war der Besuch nicht so enttäuscht.

Aber ich musste die beiden Herren schon vorsichtig auf den nächsten Punkt unseres Spazierganges vorbereiten. Südlich des Hackeschen Marktes stand jene Berliner Garnisonkirche, die eine der Ruhestätten von James Keith war. 1943 brannte die Kirche nach einem Bombentreffer vollständig aus. Nach Kriegsende wurde die bis dahin unzerstörte Gruft geplündert, schließlich die mehr als 200 Bestattungen in 47 Särge „zusammengepackt“ und auf den Südwestfriedhof in Stahnsdorf außerhalb von Berlin verbracht.  Die sterblichen Überreste des wackeren Schotten waren unter ihnen. Nach kurzer Zeit standen wir also zu dritt am Garnisonkirchplatz und betrachteten schweigend die Baustelle eines parkhausähnlichen Rohbaus, der sich dort in den Himmel reckt. Eine Überraschung hatte ich aber noch parat: 1873 hatte Adolph Menzel, der große Berliner Maler, Zeichner und Illustrator, in der Gruft der Garnisonkirche die in den Särgen liegenden Toten gezeichnet, unter anderem auch James Keith.

James Keith, 125 Jahre nach seinem Tod (Lit.:C. Keiscĥ / M. U. Riemann-Reyher (Hrsg.), Adolph Menzel 1815–1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit. Berlin, Nationalgalerie im Alten Museum 7. Februar – 11. Mai 1997 (DuMont: Köln 1996).

James Keith, 125 Jahre nach seinem Tod (Lit.:C. Keiscĥ / M. U. Riemann-Reyher (Hrsg.), Adolph Menzel 1815–1905. Das Labyrinth der Wirklichkeit. Berlin, Nationalgalerie im Alten Museum 7. Februar – 11. Mai 1997 (DuMont: Köln 1996).

Darauf brauchten die Herren erstmal ein Bier! Während wir also gemeinsam diese nächsten Punkt meines Spaziergangs „verdauten“, erzählte ich ihnen von Stahnsdorf und fragte, ob sie Lust hätten, dort auch noch hinzufahren. Natürlich wollten sie, nichts anderes hätte ich erwartet.

Als wir dann gegen Abend auf dem Friedhof ankamen, mussten wir zunächst einmal auf’s Geratewohl loslaufen, denn trotz eines großen Friedhofsplans am Eingang, ging aus diesem nicht hervor, wo denn nun James Keith (vorläufig??) letzte Ruhestätte zu finden ist. Aber endlich hatten wir einmal Glück: trotzdem es schon nach 18 Uhr war, stand die Tür der Friedhofsverwaltung offen. Ich schlüpfte hinein und fand Herrn I., der mir sofort sagen konnte, wo die „Garnisonkirchengrabstätte“ ist. Dadurch mutig geworden, fragte ich, ob er denn wisse, ob Feldmarschall James Keith auch dort liegen würde. Er wandte sich einem Regal zu, in dem in langen Reihen dunkle Ordner und Bücher stehen, in denen die „Eingänge“ auf dem Friedhof verzeichnet sind. Leider fehlte der Band von 1949 gerade. Er versprach aber, sich zu melden, sobald der Band zurück sei.

Schnell gingen wir die letzten Schritte, an der Norwegischen Kirche des Friedhofs vorbei, auf einen kaum sichtbaren Weg in ein Wäldchen hinein. Nur wenige Meter später endete der Weg vor einem größeren Grab, welches durch einen schlichten Stein mit der Inschrift

Hier ruhen Tote aus zwei Jahrhunderten aus der alten Garnisonkirche zu Berlin 1949

kenntlich gemacht wurde, hinter der Umfassung noch ein großes Kreuz.

James Keiths letzte Ruhestätte in Stahnsdorf

James Keiths letzte Ruhestätte in Stahnsdorf

Steve und Adam standen stumm da, nach dieser langen Suche, die hier so unvermittelt endete, waren sie einfach überrascht und etwas erschrocken, dass nicht einmal die Namen verzeichnet waren. Nach einiger Zeit meinte Steve dann, dass er eine kleine Messingtafel stiften wolle. Ich versprach, zu fragen, ob das möglich sei.

So endete die Suche nach James Francis Edward Keith (sprich: ki:θ), der auch preußisch Jakob von Keith (sprich: Keit) genannt wurde. Ob er sich hat träumen lassen, dass er auch nach seinem Tod keine Ruhe finden würde? Dass er 221 Jahre nach seinem letzten Einsatz für Friedrich den Großen weder in Schottland noch in Berlin ganz vergessen ist, hätte ihn sicherlich gefreut.

Nachtrag: Inzwischen habe ich von der Friedhofsverwaltung den Auszug aus dem Bestattungsregister bekommen, James liegt wirklich bei ihnen.

1949, 191 Jahr nach seinem Tod vom Generalfeldmarschall zum Generalleutnant degradiert!

1949 vom Generalfeldmarschall zum Generalleutnant degradiert (Name von mir etwas hervorgehoben)

Auszug aus unbekanntem Buch 19. Jh., Bild hängt im Bode-Museum

Auszug aus unbekanntem Buch 19. Jh., Bild hängt im Bode-Museum

James auf dem Zietenplatz

James auf dem Zietenplatz, vollständig preußisiert als „Jakob von Keith“




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