Posts Tagged ‘braune Vergangenheit

17
Mai
09

Wenn es doch nur eine Zigarettenmarke gewesen wäre….

Letztens fuhr ich durch Storkow, einer der ältesten urkundlich belegten Städte in Brandenburg, weiter Richtung Beeskow. Am Ortsausgang der 9000-Seelen-Gemeinde liegt auf der rechten Seite der Eingang zur Bundeswehrkaserne. „Kurmark-Kaserne“ steht in großen Lettern am Eingangstor. Aha, man hat hier ein Auge auf die Landesgeschichte? Mir war der Begriff bislang nur als Bezeichnung für das Kernland des Kurfürstentums Brandenburg ein Begriff, welche sich zwischen Oder und Elbe erstreckte. Zugegebenermaßen musste ich eben mal nachlesen, welcher Bereich genau dazu gehörte in jenen unruhigen Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Bei der schnellen Internetrecherche fand ich Nichtraucherin auch den Hinweis auf eine Zigarettenmarke „Kurmark“. Wieder ein interessanter Abstecher, dem ich gerne folgte: Josef Garbáty war mit seiner Familie im späten 19. Jahrhundert nach Berlin gekommen und hatte in der Schönhauser Allee seine Fabrik gebaut und mit der Produktion der „Königin von Saba“, seiner Erfolgsmarke begonnen, die er 1887 zum Patent anmeldete. Der Siegeszug der Garbáty-Zigaretten konnte auch der 1. Weltkrieg nicht aufhalten. 1928 kam die Marke „Kurmark“ dazu, auch sie ein geschäftlicher Erfolg. Allerdings war bereits Anfang der 1930er Jahre die Hälfte der Familienanteile an die Firma Reemtsma in Hamburg verkauft worden, den Rest hielt bis 1938 einer der Söhne von Josef Garbáty, bis dieser von den Nazis zum Zwangsverkauf gedrängt wurde. Die Familie schaffte 1939 noch die Emigration in die USA, nur Josef Garbáty selber blieb hochbetagt in Berlin, wo er in seiner Villa 1939 starb. Die Villa war nach dem Krieg zeitweise Sitz der bulgarischen Botschaft, aber später auch der der Republikaner. Aber ich schweife nun sehr weit ab!
Zurück nach Storkow: beunruhigend empfinde ich allerdings eine eher unschöne Parallele in der Namensgebung für die Bundeswehrkaserne mit tiefbrauner Vergangenheit: In nur knapp 50 km Entfernung von Storkow begann die SS seit 1943 mit der Errichtung eines weiteren Truppenübungsplatzes in relativer Nähe zu Berlin, den Himmler nur für seine Truppen zu benutzen gedachte. Für die nötigen Bauarbeiten wurde ein riesiger Bauhof im Bereich des Bahnhofs Lieberose angelegt. Und die notwendigen Arbeitskräfte besorgte man sich auf die damals übliche Art: quasi aus der hauseigenen Vernichtungsmaschinerie der KZs und Zwangsarbeiterlager. Ende 1943 trafen die ersten Häftlinge ein, später kamen sie in Zügen aus Auschwitz und Sachsenhausen, wohin sie, sobald sie zu erschöpft für die mörderischen Arbeiten waren, wieder zurückgeschafft wurden, um in den sicheren Tod geschickt zu werden. In den letzten Kriegstagen in der Gegend, Anfang Februar 1945, richteten SS-Schergen einen Massenmord an den noch im so genannten „Arbeitslager Lieberose“ verbliebenen etwa 1300 Häftlingen an. Der „Kurmark“-Truppenübungsplatz und eine Vielzahl von Kasernen und Wohngebäuden wurde nicht mehr fertig gestellt, und liegt heute noch im Sperrgebiet.
Viel Substantielles habe ich über den namensgebenden „Vorfahr“ der Kaserne in Storkow nicht dem Internet entnehmen können, das Lesen einer offensichtlich „spezifischeren“ Seite verursachte mir in seinen verfälschenden und mehr als verharmlosenden Details Übelkeit.

Vor diesem Hintergrund scheint mir die Namensgebung der Storkower Kaserne mehr als unglaublich distanzlos, dumm und ignorant!




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