03
Sep
14

Die Prieuré Ganagobie

Der Weg ist das Ziel könnte man meinen, denn man muss schon wirklich da oben hinwollen, da, hoch über das Tal der Durance. Machen Sie nicht den Fehler, der Beschilderung des Weilers Ganagobie zu folgen, denn dann kommen Sie nicht an’s Ziel oder nur, wenn Sie auf der engen Straße wenden und den beiden gleichmütig schauenende Eseln noch einmal zuwinken, die gedankenvoll wiederkäuen. Wenn Sie dann die richtige Abzweigung gefunden haben, geht es die sehr enge, gewundene Straße steil den Berg hinauf. Es gilt: je kleiner Ihr Auto desto besser. Wer hinaufwandern will, sollte vorsichtig sein, denn es gibt derzeit auch Radfahrer, die die Bergetappen der Tour de France nachempfinden und auf der Rücktour den Berg hinunter wie die Wahnsinnigen den Fahrtwind genießen wollen.
Der Parkplatz fängt uns eine gute Viertelstunde vor der Priorei ab, was allerdings für einige andere Reisende immer noch zu viel Fußweg zu sein scheint, denn die Behindertenparkplätze in Sichtweite der Kirchentür werden gerne von gar nicht so Fußlahmen aus der Familie Adipositas zweckentfremdet. Sie fahren aber auch so nah wie möglich an den Klosterladen heran. Allerdings verpassen sie die Stille des Waldes, die schönen Ausblicke auf die Nebentäler Richtung Forcalquier und Sinonce und die Reste einer keltischen Ansiedlung im Unterholz. Esoterisch angehauchte Wanderer haben aus den herumliegenden Kalksteinen Türmchen und Kreise gebaut, auch nett.


Es hat sich Einiges getan, seit ich hier vor sechs Jahren zuletzt zu Besuch war: Kleine Lavendelfelder werden bestellt und auch die Renovierung in der Kirche und die Drainagen außen an der Kirche sind abgeschlossen.
Da die Mönche ihre Ruhe haben wollen, ist die Kirche außerhalb der Gebetszeiten nur zwischen 15 und 17 Uhr für Besucher geöffnet.
Bereits außerhalb der Kirche steht der Besucher vor dem wunderschönen Skulpturenportal der Westfassade: Christus thront, von zwei Engeln, den Symbolen der vier Evangelisten umrahmt im Tympanon, darunter sind die zwölf Apostel abgebildet, Petrus hervorgehoben mit den Schlüsseln in der Händen.
Petrus dürfte auch als der entscheidende Hinweis auf die Verbundenheit der benediktinischen Mönche mit dem Mutterkloster Cluny zu verstehen sein, denn die anderen Apostel sind ohne ihre Attribute dargestellt. Vom Kloster in Cluny ging im 10. Jahrhundert eine der Reformbestrebungen des Benediktinerordens aus, die den Orden zurück zur Strenge der Anfangszeit bringen wollte, was nur kurzzeitig gelang. In diese Zeit fällt auch die Gründung von Ganagobie, welches weitab von dem dichter besiedelten Tal das Motto „Ora et labora“ wieder mit Sinn füllen wollte.
Tritt man in die Kirche ein, empfängt einen der Geruch von Weihrauch und benutzter Kirche. Ich weiß nicht, ob ich das erklären kann: Kirchen, die nur noch als Besichtigungsobjekt dienen, merkt man dies auch am Geruch an. Hier ist es anders, Weihrauch und gelebtes Mönchsleben riecht man.
Das schmale Hauptschiff öffnet sich erst im Chorbereich zur Dreischiffigkeit, wo auch das Gestühl für die Mönche steht, und offenbart dann den größten Schatz: die Mosaike aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts.
Dreifarbig zeigen sie im wesentlichen den immerwährenden Kampf „Gut“ gegen „Böse“: Ritter auf Pferden bekämpfen Drachen, es sind Adler, Löwen und sogar Elefanten mit Aufbauten für Kämpfer zu erkennen. Vögel mit Menschenköpfen, die als Sirenen die Reisenden vom rechten Weg abbringen wollen, sogar ein Zentaur ist abgebildet. Dazwischen wieder Motivfelder, die in ihrer Ornamentik an römische, aber auch an Vorbilder aus den Tierstilen Nordeuropas erinnern. In der Apsis zieht sich ein Spruchband um die Abbildungen, die einen Prior Bertrand und den Meister des Mosaiks, einen Trutbert nennen: Schöpferstolz des 12. Jahrhunderts.

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Die als Himmelskönigin gestaltete Marienfigur mit Jesuskind auf dem Arm gehört zu den wenigen weiteren Schmuckstücken der Kirche, die mit einem Blumenstrauß aus Feldblumen und weißen Lilien, dem mittelalterlichen Sinnbild der Jungfräulichkeit Mariens geschmückt war. Von dort aus kann man auch einen Blick in den wunderschönen Kreuzgang werfen, den die Mönche nicht teilen wollen, denn er ist zwar von zwei Stellen in der Kirche einsehbar, aber nur für die Kontemplation der Klosterbewohner gedacht.

Ganagobie ist seit 1992 wieder von Benediktinern der Sainte-Marie-Madeleine Gemeinschaft aus dem Savoyen bewohnt, die auch zu den Chorgebeten einladen.
Auf die mittelalterlichen Vorgänger der heutigen Benediktiner deuten eine Reihe von in den anstehenden Felsen eingehauene Kopfnischengräber direkt nördlich der Kirche, etwas abseits vom Weg, ungekennzeichnet. Die Deckplatten bilden einige Meter weiter die Umrahmung für ein Metallkreuz, komisch. In Sichtweite liegen die neuen Gräber, die durch eine Reihe einfacher Holzkreuze mit dem Namen des Verstorbenen gekennzeichnet sind. Die meisten Mönche werden sehr alt, was ganz bestimmt am Lavendelhonig, dem Weihrauch und dem zurückgezogenen Leben liegt.

Der Klosterladen ist übrigens auch ordentlich erweitert worden und bietet neben religiöser Erbauungs- und Naturkundeliteratur auch Rosenkränze, Räucherwerk und eine große Bandbreite an Produkten, die in verschiedenen Klöstern direkt hergestellt wurden oder zumindest unter einem Klosterlabel laufen, von der Olivenöl-/Lavendelseife über Kekse, Bonbons, Konfitüren, Honig bis hin zu geistigen Getränken. Die Öffnungszeiten sind von 14.30 Uhr bis 18 Uhr.

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3 Responses to “Die Prieuré Ganagobie”


  1. 5. September 2014 um 12:55

    „Fußlahme aus der Familie Adipositas“ – einfach herrlich, ich hätte es nicht poetischer formulieren können. ;-)

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  2. 3 karu02
    14. September 2014 um 18:01

    So eine hübsche Kirche in romantischer Umgebung. Beides kannte ich noch nicht. Danke für den schönen Bericht.

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