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Aug
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Corveyer Gartenverkaufsfest

Wir sind Weltkulturerbe - Corveys Westwerk!

Wir sind Weltkulturerbe – Corveys Westwerk!

Gut, wir waren mal Papst, jetzt sind wir in Corvey Weltkulturerbe mit dem ältesten erhaltenen Westwerk der Welt. Zugegebenermaßen waren diese architektonischen Besonderheiten nicht weltweit verbreitet, sondern eher im karolingischer Zeit im Frankenreich und angrenzenden oder einverleibten Gebieten. Corvey als ehemaliges Reichskloster ist auch so ein Fall. Die karolingischen Könige resp. Kaiser hatten die Finger nicht nur nach den Gebiete direkter Verwandter ausgestreckt, sondern auch das Nichtverwandter lag ihnen am Herzen, so auch das liebliche Sachsenland (nicht identisch mit dem heutigen Bundesland!). Nach einer mehr oder weniger militärischen Eroberung erfolgte die christiliche Durchdringung, die mit einer intensiven Missionierung einherging, Bistums- und Klostergründungen inklusive. Unter den Karolingern und Ottonen ging es dem Reichskloster richtig gut, Kaderschmiede für Bischöfe und Söhne des Hochadels, immer beim Herrscherhaus mit noch mehr Land und Privilegien ausgestattet, gingen aber irgendwann im beginnenden Spätmittelalter „die Lichter aus“. Die Herrscher kamen nun aus dem heute Süddeutschen, hatten dort ihre eigenen Stammlande und waren nur noch selten in Corvey auf Dienst- und Durchreise. Die Jahrhunderte gingen nicht spurlos am Kloster vorüber, die berühmte Klosterbibliothek ist heute in alle Winde zerstreut, der Dreißigjährige Krieg beschleunigte den Niedergang, der nur kurz von der Gegenreformation und später der Umgestaltung in ein Fürstbistum aufgehalten wurde, der Reichsdeputationshauptschluss und die damit einhergehende Säkularisierung des Besitzes waren das Ende des geistlichen Lebens. Die turbulente Privatisierung nach dem Wiener Kongress hatte für mich mit den vielen Fürsten- und Möchtegernregenten immer etwas stark Operettenhaftes an sich.
Wie dem auch sei, das Schloss und auch das Westwerk müssen ja irgendwie unterhalten werden. Zwar gehört eine große Land- und Waldwirtschaft zum Besitz, ein Teil der Immobilien ist vermietet. Dennoch reicht das sicherlich kaum aus, diesen Besitz zu unterhalten, sieht man einmal von den öffentlichen Förderungen ab.
So gibt es nun das „Gartenfest Corvey“, welches Leute mit Hang zum Landleben, wie es Gartenbücher und Wohnzeitschriften suggerieren. Ich war schon seit vielen Jahren nicht mehr im Park von Corvey gewesen, wahrscheinlich das letzte Mal, als ich als Ferienjob über meine Freundin Ariane die Weihnachtsbaumschösslinge vom wuchernden Gras befreien durfte. Pieksende Angelegenheit mit zusätzlichem Mückenkontakt, aber im hinteren Teil des Parkes zur Weser hin, wenn ich mich recht entsinne bei einem sagenhaften Stundenlohn von 6 DM. Somit hätte ich ca. 3 Stunden zu Zeiten des alten Herzogs schuften müssen, um mir eine Eintrittskarte für das „Gartenfest“ des Sohnes kaufen zu können. Mehr als 100 Anbieter hatten sich im Park verteilt, der inzwischen etwas gepflegter, aber immer noch sehr pflegeleicht wirkt. Viele Stauden- und Pflanzenstände, Schnickes und überteuerter Schnackes wie der lederbezogene Whirlpool für mehrere tausend Euro verteilten sich zwischen mehr als ausreichend vorhandenen Ess- und Trinkbuden, alles edel natürlich.
Trotz des hochpreisigen Angebotes war es schön, ein Wiedersehen mit meinen Kindheitserinnerungen zu feiern, nur für mich alleine. Schließlich wurde ich am Todestag von Karl dem Großen geboren und an einem kalten Februartag in Corvey getauft. Genutzt hat’s nix, aber eine schöne Geschichte ist es schon, oder?

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6 Responses to “Corveyer Gartenverkaufsfest”


  1. 5. August 2014 um 08:06

    Ja, ist es. :-)
    Und wir Kulturbanausen fuhren sogar vor ein paar Jahren auf dem Weserradweg unwissend daran vorbei…

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  2. 5. August 2014 um 16:52

    Was hast Du alles erstanden?

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    • 7. August 2014 um 14:16

      @komoran, erstanden habe ich Tomaten in gestreift und dunkelgrünrot, ein paar Oliven zum Abendessen, mehr nicht, der Rest war mir zu hochpreisig…

      @rotewelt & karu, ein Wiederkommen lohnt sich, der Markt muss nicht unbedingt sein…

      @evazins, die Radwege sind wirklich gut ausgebaut, da macht das Radeln soviel Spaß, dass man gar nicht mehr anhalten will ;-)

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  3. 4 karu02
    5. August 2014 um 22:06

    Ich wollte sowieso mal hin, aber jetzt erst recht. Immerhin wurde Richensa dort getauft!

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  4. 6. August 2014 um 11:06

    Als ich neulich hörte, dass Kloster Corvey nun zum Weltkulturerbe gehört, wurden auch mir Kindheitserinnerungen wach, ich war nämlich einmal dort im Rahmen eines Schulausflugs. Aber die Erinnerung ist doch sehr verblasst, wie ich sehe, und von dem, was uns über die Geschichte des Klosters erzählt wurde, wusste ich gar nichts mehr. Dankeschön für’s Auffrischen durch Bericht und Fotos!

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