06
Apr
14

traurig und bestürzt

Als ich vorgestern die Startseite meines Mailanbieters aufrief, sah ich ihr Bild, grau hinterlegt. Auch wenn der Name nicht in der Headline stand, wusste ich sofort, was passiert sein musste. Anja Niedringhaus musste tot sein. Der Klick auf die Nachricht gab traurige Gewissheit, sie war in Afghanistan erschossen worden.  Sie war eine der mutigen Fotografen, die uns hier im sicheren Europa nicht vergessen ließ, dass in vielen Regionen der Welt der Krieg das tägliche Leben und Sterben bestimmt.

Ich erinnere mich an sie, als sie mit ihrer großen Fototasche selbstbewusst über den Schulhof des König-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter ging, eine Brille mit Horngestell auf der Nase, die heute als Nerdbrillen durchgehen, auf dem Oberstufenhof, wo nur die Schüler jenseits der 11. Klasse hindurften. Sie war eine derjenigen, die die Schule nur als notwendigen Zwischenschritt für das, was man wirklich im Leben machen wollte, ansah, deshalb war sie als Lokalreporterin für eine der beiden örtlichen Zeitungen unterwegs und zwar für die deutlich bessere der beiden, die, die kritischeren Geister in Höxter lasen. Manchmal wechselten wir ein paar Worte, denn ihre Mutter wohnte nur drei Häuser weiter, einmal berichtete sie über ein Konzert des Kammermusikensembles, bei dem ich mitspielte, sie fragte mich danach ein paar Dinge, die sie als Nichtmusikerin nicht wusste. Ab und zu konnte ich sehen, wie sie einfach den Bereich der Schule verließ, die Tasche geschultert, zu einem Termin der Zeitung. Ich beneidete sie etwas darum, dass sie weggehen konnte, mir ging es zwar wahrscheinlich ähnlich, dass ich es kaum erwarten konnte, bis die Schule ein für alle mal vorbei war.

Die Ausstellung mit ihren Bildern habe ich mir hier in Berlin vor einigen Jahren angeschaut und lächelnd an die Erinnerung an sie auf dem Schulhof gedacht. Ihre Fotos haben die Menschen nicht „vorgeführt“, sondern mir vor Augen geführt, dass der Krieg die Menschen verändert und das Leid, das sie oft auch zeigten, unter anderen Umständen eben auch mir selber hätte zustoßen können. Ich hätte einfach nur in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geboren werden müssen.

So saß ich vorgestern an meinem Schreibtisch und ich weinte um eine Frau, für die der Krieg kein abstraktes Wort war und von deren bestürzendem Sterben in Afgahnistan voyeuristische Fotos über den Agenturen laufen, die sie selbst nicht gemacht hätte. Die von einem Mann erschossen wurde, der sicher nicht wusste, wer da in dem Auto saß und dass sich Anja Niedringhaus mit ihren Bildern immer auf die Seite der Opfer der Kriege gestellt hat, auch auf seine.

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5 Responses to “traurig und bestürzt”


  1. 6. April 2014 um 12:32

    Trotz des traurigen Anlasses ein gutes Erinnerungsengramm. Ich habe duch diesen Beitrag einen kleinen Eindruck von der Frau hinter dem Foto auf den yahoo Nachrichten.

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  2. 7. April 2014 um 10:10

    Danke für dieses Porträt.
    (Und es scheint ein gutes Jahr fürs Jenseits zu sein …)

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  3. 7. April 2014 um 11:44

    Hatte es schon auf FB gesehen, aber das ist wahrlich kein Beitrag für „Gefällt mir“.
    Gut, dass du so eine persönliche Erinnerung an eine Frau geschrieben hast, die für mich sonst auch nur ein Bild und eine Nachricht geblieben wäre.

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  4. 7. April 2014 um 14:36

    Ich stimme zu – eine einfühlsame und schön geschriebene Hommage zu einem furchtbar traurigen Anlass.

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