03
Okt
13

Stille Stunde in Gerberoy

Ich gestehe: ich bin ein Fan analogen Kartenwerks! Ich verweigere mich der Nutzung von diesen plappernden Dingern, die im Auto an der Windschutzscheibe kleben, mir partiell die Sicht verderben und mir obendrein noch sagen, wie und wohin ich fahren soll. Nur für fremde große Städte gestehe ich ihnen eine gewisse Daseinsberechtigung zu. Da ich für die Grand Tour nach Frankreich meinen mindestens 15 Jahre alten Autoatlas der Grande Nation zuhause gelassen hatte, da ich annahm, dass auch in Frankreich in den letzten Jahren die eine oder andere Ortsumgehung oder Autobahn neu entstanden sein könnte, stieg als Nr. 3 unserer Reisetruppe bei Cambrai ein aktuelles Kartenwerk französischer Straßen mit in den Wagen.
Mindestens ab Amiens wollte ich über Land fahren, um gegen Abend südöstlich von Rouen bei Les Andelys das Übernachtungsquartier zu erreichen. Gesagt, getan. Bei Corbie an der Somme (übrigens Standort des Mutterklosters von Kloster Corvey, bis heute mit Höxter verpartnerstädtert) verließen wir die große Straße und wandten uns über die Departementstraßen über Moreuil und Breteuil nach Südwesten. Inzwischen hatte ich mich als Navigator mit dem neuen Werk vertraut gemacht und wies auf kartierte Sehenswürdigkeiten in einem ca. 10 km Korridor links und rechts der Route hin. Da es, wie immer bei Köln morgens schon stauig gewesen war, verzichteten wir auf Pestsäulen, unterirdische Gänge, gallo-römische Anlagen und prähistorische Befestigungen, denn wir waren gegen 18 Uhr in der Unterkunft angemeldet. Zur Kaffeezeit plagte uns dann aber das schlechte Gewissen, soviel Sehenswertes ignoriert zu haben und wir bogen hinter Marseille-en-Beauvais von der D 930 in Richtung auf das auf der Karte gelb hinterlegte und damit als sehenswert eingestufte Gerberoy ab. Das Ortsschild verhieß, dass wir in eines der schönsten Dörfer Frankreichs gelangt waren, der weit außerhalb des Ortskernes angelegte großzügige Parkplatz hingegen ließ vermuten, dass es im Sommer heftigst besucht sein würde. Aber es war ja Mitte September und es hatte gerade einen heftigen Regenschauer gegeben. Hoffnung auf einen Platz in einem Salon de Thé (ein Café) keimte auf, als wir das Auto direkt am Ortsschild am Straßenrand abstellten. Es war sehr still im Ort, nur drei Japanerinnen mit iPad und Einkaufstüten kamen uns entgegen. Eine ältere Frau schaute aus einer Haustür, die sie sofort schloss, als ich ihr einen Gruß zunickte. Eine Katze lief über die Straße, dann schoss ein älterer R4 über die enge Ortsdurchfahrt. Wir waren fast alleine, nur ein englisches Ehepaar war irgendwann hinter uns aufgetaucht. Die Geschäfte ließen auf großen Besucherandrang zu Sommerzeiten schließen, für uns war keines geöffnet und noch schlimmer: kein Café weit und breit!
Die Stille war beindruckend, die Hortensien blühten, dass es eine Pracht war, aber langsam wurde uns das Örtchen unheimlich. Ich erschrak, als mich ein Mann mit Aktenmappe auf dem Arm überholte, eine Haustür aufschloss, die Mappe hineinwarf und schnell vor mir die Straße hinterging. Wohin bloß? Wusste er, wo es einen Kaffee gab?
Als wir an der Kirche auf dem Burgberg angelangt waren, kam uns das englische Ehepaar wieder entgegen, offensichtlich auch auf der Suche nach einem Heißgetränk. Wir lächelten aneinander vorbei und öffneten zeitgleich die Regenschirme, als uns der nächste Schauer zurück zum Auto und aus dem Dorf davontrieb.

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8 Responses to “Stille Stunde in Gerberoy”


  1. 1 karu02
    3. Oktober 2013 um 19:02

    Oh wie schön, auch ohne Café. So weit innen im Land sind wir auch noch nicht gewesen. Ich verrate auch nicht, was es auf der anderen Route zwischen Amiens und Rouen noch alles zu sehen gibt. ;-)

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  2. 4. Oktober 2013 um 11:26

    Sehr idyllisch, aber ohne Café ist natürlich blöd. Übrigens ist der Streit zwischen Uschi, dem Navi („Uschi, komm, sei nett zu mir“), und der Beifahrerin mit dem analogen Kartenwerk auf dem Schoß immer wieder erheiternd.

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  3. 13. Oktober 2013 um 18:55

    Also, sollte einer Deiner Leser mal in Frankreich eine Existenz aufbauen wollen, würde ich das Café besuchen.

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