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Mai
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Pilger in Bardo

Unversehens gerieten wir auf unserer Landpartie durch die Hügel eine gute Autostunde südlich von Wrocław in den kleinen Ort Bardo/Wartha mit seiner imposanten Pilgerkirche. Schon auf dem Besucherparkplatz wurde klar, dass wir die Kirche nicht für uns alleine haben würden: er war von vorne bis hinten mit Bussen zugeparkt. Der Ort selber war an jenem Samstagmittag eher leer, bis die Kirchentüren aufgingen. Die ersten Besucher der Messe strömten hinaus, wir hinein.
Barockschock! Die Kirche war zwischen 1686 und 1704 an der Stelle von zwei älteren errichtet worden, natürlich voll und ganz in der regionalen Ausprägung des Stils der Zeit. Und voll war es! Zunächst dachte ich, dass die vielen Menschen zur Kommunion anstanden, bis mir allmählich klar wurde, dass sie zum Gnadenbild, einer romanischen Madonna wollten. Meine Freundin übersetzte die Ansagen des Geistlichen, der darum bat, nicht zu drängeln, da jeder „drankommen“ würde. Der Chor sang, die barocke Orgel ließ ihre Klänge über unseren Häuptern schweben.
Irgendwann schob ich mich, den der Madonna bereits nahe Gekommenen entgegen, durch das Seitenschiff nach vorne, um wenigstens einen Blick auf das Hauptgeschehen zu erhaschen. Es gelang!
Die Gläubigen drängten sich bis zu der geschnitzten Figur und küssten sie auf eine vorgegebene Stelle an der Fassung. Der Priester wischte über diesselbe mit einem Läppchen nach. Und zwar immer mit demselben, ohne es zu drehen und zu wenden. Ich schaute und staunte, denn mir wurde klar, dass dies ein astreiner Weg ist, Seuchen und Krankheiten zu verbreiten. Vor Erfindung von Antibiotika natürlich.
Nach dem Anstehen trafen sich die Menschen im Hof der Kirche und stärkten sich erst einmal mit den mitgebrachten Broten und Leckereien aus Tüten, Taschen und Rucksäcken. Habe ich so auch noch nicht gesehen, ich pilgere wohl zu selten.

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10 Responses to “Pilger in Bardo”


  1. 1 karu02
    20. Mai 2013 um 21:03

    Und doch und doch… es zieht immer wieder an, was sich da abspielt, oder?

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  2. 2 karu02
    20. Mai 2013 um 21:06

    Wer hat denn bei der Header-Bild die Köpfe abgerissen? Das gehört sich für eine Kopfleiste nicht. Trotzdem schön. ;-)

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  3. 5 kaltmamsell
    21. Mai 2013 um 07:42

    Die Krankheiten, die man sich bei der Figurenküsserei einfing, hatten möglicherweise den spirituellen Wert der „Initialverschlechterung“ heutiger homöopathischer Medikation?

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  4. 22. Mai 2013 um 02:36

    „Barockschock“ – köstlich! Und auch sonst…

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  5. 27. Mai 2013 um 22:14

    Vielleicht war das Läppchen mit Weihwasser oder Desinfektionsmittel getränkt?

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