Archiv für 24. März 2012

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In den Stein gemeißelt

Als Kind ging ich ganz selbstgverständlich mit den Eltern auf den großen Friedhof in Höxter, denn das Grab der Großeltern musste ja auch in Ordnung gehalten werden. So wurde es im Winter mit Tannengrün abgedeckt, im Frühjahr Stiefmütterchen und Primeln gesetzt, im Sommer Tagetes und ähnliches. Und natürlich mussten die Pflanzen im Sommer auch ordentlich gegossen werden. Hinter vielen Grabsteinen lagen Gießkannen oder leere Weichspülerflaschen, in denen das Gießwasser von den wenigen Wasserstellen über die Wege geschleppt wurde. Gerne schwappte es über die Hose oder in die Gummistiefelchen. Ekelig! Nichts war aber langweiliger als das Wasserschleppen: sobald ich entdeckte, dass auf den Grabsteinen interessante Namen und Daten standen, las ich, was das Zeug hielt, rechnete aus, wie alt die Leute geworden waren, wunderte mich über die Gräber, die mit großen Marmorplatten so wunderbar pflegeleicht abgedeckt waren. Und dann entdeckte ich meinen Lieblingsgrabstein:

Kurt Auge und Ida Brill lagen einträchtig in einem Grab! Ich war sprachlos vor Staunen und musste immer kichern, wenn ich mit den Gießkannen an der Grabstelle direkt hinter einer Wegekreuzung vorbei kam. Kurt Auge und Ida Brill! Ich begann mir Herrn Auge und Frau Brill vorzustellen, aber Herr Auge trug Brille und sie nicht, sondern nur ein langweiliges Omakleid und hatte graue Haare, denn sie war schon 1873 geboren. Aber wieso lagen da zwei in einem Grab, die gar nicht denselben Nachnamen hatten. Das war eine gedankliche Nuss, an der ich zu knacken hatte. Meine Eltern fragte ich nicht, denn die hätten meine Heiterkeit ob der Grabgemeinschaft sicher nicht lustig gefunden, soviel stand fest. Ich könnte schwören, dass ich nur deswegen mit auf den Friedhof gegangen bin, um zu sehen, ob die Namen noch auf dem Grabstein stehen, denn sonst konnte ich schon als Kind Friedhöfen als persönlichen Ort der Trauer nichts abgewinnen. Nur Allerheiligen, wenn die Kerzen auf den Gräbern brannten und wir abends mit den Eltern unter den wechselnden Themen wie „wer hat die schönste Grableuchte?“ und „Alarm, unsere große Grableuchte wurde gestohlen!“ über den Friedhof gingen, fand ich das Konzept in Ordnung, das schon als Fünfjährige. Die gestohlenen Grableuchten waren wochenlang ein Thema, das nur am Rande.

Und ein Jahr, als ich etwa 11 oder 12 Jahre alt war, habe ich bei Herrn Auge und Frau Brill dann mal vom Nachbargrab so eine kleine Kerze in rotem Plastikbecher gemopst und aufgestellt.

Jahre-, ach was jahrzehntelang war ich nicht mehr auf dem Friedhof, Herr Auge und Frau Brill waren nur noch eine schwache Erinnerung. Im letzten November wurde eine meiner Tanten in dem zweiten Familiengrab beerdigt, in dem auch meine Großtante und die Urgroßeltern liegen. Nun bin ich mit dre anderen Tante am letzten Wochenende auf dem Friedhof gewesen. Auf dem Rückweg zum Auto musste ich an Kurt und Ida denken, ob der Grabstein noch stehen würde?

Ja, er stand noch, aber wie groß war mein Erstaunen, dass sich zu Herrn Auge und Frau Brill noch eine weitere Dame gesellt hatte: Frau Auge! Der Name war in die Lücke zwischen Herrn Auge und Frau Brill gesetzt worden. Irgendwie hat es mir vorher besser gefallen, nun stört Frau Auge mein Auge…

Meine Tante konnte mir berichten, dass Herr Auge Arzt beim Gesundheitsamt gewesen war und es war offensichtlich, dass Frau Auge seine Gattin, ihn fast 30 Jahre überlebt hatte. Nur wer Frau Brill war, konnte sie mir auch nicht sagen. Da standen wir und kicherten über den Grabstein! Das macht man aber nicht, das war ganz und gar unfein!




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