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Mai
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Sonntagsbummel über den Boxhagener Platz

Sonntags herrscht auf dem Boxhagener Platz wiederum eifriges Gedränge: es ist Flohmarkt.

Und wie jeden Sonntag laufen die „Frühstücker“ (ausführlich dazu siehe Sven Regner, Herr Lehmann und die im allgemeinen überschätzte Kruste beim Schweinebraten) über den Platz auf der Suche nach dem ultimativen Seventies-Schnäppchen, welches sich in meinen Augen zumeist als überteuerter Schund zeigt. Wer mit dem Zeug original aufgewachsen ist, weiß, wie streng man selber riecht, wenn man schwitzt oder wer als Kind paralysiert die breiten Krawatten des Herrn Vaters angestarrt hat, kann einen Gang nur mit einem gewissen Hang zum Gruseln einerseits und zum nachfolgenden Erleichtertsein genießen.

Wenn Besuch da ist, möchte jener allerdings oftmals dort schlendern gehen. Nun denn, als gute Gastgeberin geht frau natürlich mit und verdreht schon vorher im Geiste die Augen.  Als ich aber vor drei Wochen dort war, habe ich das erste Mal, seitdem ich ab und zu über den Markt laufe, etwas gekauft.  Zwei Bücher, eines über die Backsteingotik und eines von Erich Kästner. Die Backsteingotik aus Norddeutschland entpuppt sich als Bändchen über Nordostdeutschland, das einzige Bild des Lübecker Rathauses ist eindeutig eine Vorkriegsaufnahme (die abgebildeten Automobile sind das datierende Element).

Das zweite enthält Gedichte und Chansons von Erich Kästner. Ich lernte ihn natürlich als Kinderbuchautor kennen und verschlang ein Buch um’s andere aus der Bücherei. Ab und zu bekam ich auch eines geschenkt, wie „Der kleine Mann“.  In der 10. Klasse lasen wir „Fabian“ und ich war sehr erstaunt, dass das recht wenig mit einem Kinderbuch zu tun hatte, „verlas“ mich aber wieder in Kästner. Ich glaube, dass ich eine der wenigen meiner Klasse war, die das Buch direkt in einem Zug durchlasen und auch wirklich wussten, was darin stand. Anke M. aus der Herrmannstraße schrieb sicherlich die bessere Deutscharbeit, weil sie immer diese grünen Heftchen aus dem reclam Verlag auswendig lernte, die unsere Lehrerin auch in Ermangelung eigener Gedanken zur Interpretation benutzte. Ich habe mir das Buch noch einmal gekauft, als ich nach Berlin gezogen bin und lese es von Zeit zu Zeit immer wieder.

Nun hat der „Fabian“ einen Nachbarn im Bücherregal bekommen: „Ein Mann, der Ideale hat“.

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1 Response to “Sonntagsbummel über den Boxhagener Platz”


  1. 12. Mai 2011 um 19:50

    Ich bleibe immer bei dem freundlichen Polen mit seinen Theaterplakaten hängen. Zwei Stück davon aus den 60ern zieren mein Esszimmer. Und: die riechen kein bißchen verschwitzt…

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