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Apr
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Marienmünster und die Passionisten

Zu einer Geburtstagsfeier der Familie wurden wir nach Marienmünster in den Abteikrug gebeten. Ich war schon lange nicht mehr dort gewesen, zuletzt wahrscheinlich bei der Hochzeit meiner Cousine dritten Grades Susanne mit Karl, genannt Charly, irgendwann Mitte der 1980er. Die Ehe ist inzwischen geschieden…
Aber zurück zur Abtei: Die Abtei Marienmünser wurde zunächst als Benediktinerniederlassung im 12. Jahrhundert von Widekind I. Graf von Schwalenberg und seiner Frau als fromme Sühne gestiftet. Und damit sie es zum Büßen und Sühnen nicht so weit hatten, wurde es fast in Sichtweite ihrer Stammburg, der Oldenburg in Oldendorf errichtet. Letztere ist übrigens als mächtiger Bergfried, leider mit einem fiesen Setzungsriss auf einer eindrucksvollen Hügelanlage mit zwei Wallsystemen kaum 2 km weiter nordöstlich der Abtei erhalten. (Anmerkung an mich selbst: Mach mal eine Fototour mit Oldenburg, Fürstenberg innen, Tonenburg, Beverungern, alles gut erhaltene Burganlagen).
Es kam, wie es kommen musste, da im Bermudadreieck der verschiedenen Herrschaften der Schwalenberger, der Lipper, der Reichsabtei Corvey an der Weser und den Paderborner Bischöfen: die Kleinkriege des 13. Jahrhunderts gingen auch hier nicht spurlos ins Land, das Kloster erlebte einen Niedergang, auch der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert tat sein Übriges. Danach erlebte die Kirche eine recht radikale Umbauerei, von der dreischiffigen spätromanischen Basilika (mit Westwerk und Vierungsturm) in eine Hallenkirche mit regionaltypisch gefärbtem Barock (vulgo: Paderborner Bauernbarock). Im 19. Jahrhundert wurden Teile der Turmanlage wieder neoromanisiert, da die Kirche wieder etwas mehr nach 1150 aussehen sollte. Die Benediktinier und wohl auch Augustiner-Chorherren sind einmal hier zuhause gewesen, nach 1803 wurde das Kloster säkularisiert und preußischer Landesbesitz.

Seit 1967 wird das Kloster wieder von einigen Mönchen „belebt“. Sie gehören einer Kongregation an, die sich erst im 18. Jahrhundert bildete, eine typische Erscheinung der Gegenreformation, die noch andere, abstrus strenge Orden hervorbrachte. Ich erinnere mich gerade an die „Rosa Schwestern“ in Bad Driburg, Verzeihung, ich schweife ab. Also, die Passionisten haben sich besonders der Verehrung des Leidens Jesu Christi verschrieben. Ihnen ist per Regel die Armut, die Keuschheit und der Gehorsam, aber auch eine starke missionarische Arbeit auferlegt. Meine Verwandtschaft wusste nicht so genau, wie viele Mönche denn im Kloster leben, vier oder fünf möchten es wohl sein, sagte die eine Tante. 

Was mich aber wirklich erheitert hat, ist die Tatsache, dass einer der passionierten Brüder 1997 Schützenkönig in Vörden war!

Auf den Bildern im Abteikrug deutlich zu erkennen, habe ich dann recherchiert.

Noch ein kleiner Ausflug in die ostwestfälische Seele: das Schützenfest ist im Prinzip der Höhepunkt des Jahres in Ostwestfalen. Jeder Ort, wie klein er auch sein mag, hält eines ab. Meistens ist vorher schon abgemacht, wer dieses Jahr beim Schießen die Scheibe trifft, denn so ein Schützenkönig muss während seiner Regentschaft in der Regel eine Menge Getränkerunden ausgeben. Und darauf wird über Jahre gespart, auch für die überaus kleidsamen Roben der Damen. Ab einer bestimmten Einwohnergröße (und damit auch Rundengröße beim Ausgeben) ist die zugehörige Schützenkönigin nämlich nicht mehr die Gattin, sonder eine andere Dame mit Angespartem. Wie aber „Armut, Keuschheit und Gehorsam“ in die Untiefen eines Schützenfestes passen, weiß ich nicht. Muss ich aber auch nicht….

Zurück zur Kirche und dem Paderborner Bauernbarock: es erinnert mich in der Ausstattung stark an Corvey, die vielen Engelchen, die teilweise anatomisch recht komisch wirken, die farbige Ausmalung von viel Holz anstelle von echtem buntem Marmor, die filigran wie ein Spitzendeckchen gestalteten Chorgitter. Und an einen ordentlichen Teufel wurde auch gedacht!

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10 Responses to “Marienmünster und die Passionisten”


  1. 1 philipp1112
    5. April 2011 um 20:33

    Ich habe in eine (Jugend-)Schützenkönigin geheiratet, mein Schwiegervater war Schützenkönig.Vermutlich ist es im Braunschweiger Land weniger Traditionen verhaftet und mit Untiefen verbunden als in Ostwestfalen. In Niedersachsen gab es auch schon mal Pastoren als Schützenkönige, Evangelische. Aber ein Späßchen über das muntere Treiben der Schützen habe ich mir dennoch verkniffen.

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  2. 2 richensa
    6. April 2011 um 06:22

    Munteres Treiben, ja… als ich ca. 16 Jahre alt war, grassierte die Hofstaaterei bei mir in der Klasse, denn der Vater einer Klassenkameradin wurde in Höxter Schützenkönig. Ein anderer war das Jahr zuvor oder danach ebenfalls mit dieser Ehre behängt. Die Mädels waren natürlich im Hofstaat des Herrn Papa und damit verbunden war die große Aufregung, wer unter den Jungschütze derjenige Hofstaat-Begleiter sein würde. Den Rest würde ich ebenfalls als „munteres Treiben“ beschreiben und den Mantel des Schweigens darüber breiten!
    Was schweife ich auch ab, wenn ich eigentlich über die Abteikirche schreibe *lach*

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  3. 6. April 2011 um 22:32

    In einer ostwestfälischen Kneipe sind wir hintenüber gekippt, als der Wirt einen Gast über Stunden konsistent mit »Majestät« anredete. Jetzt weiß ich, was das war … Und: Webdesign können die Rosa Schwestern nicht so gut, aber das Habit ist sehr kleidsam.

    Wie schön Du die erheiternden Seiten des Barocks eingefangen hast!

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  4. 4 joulupukki
    9. April 2011 um 20:41

    Ganz wunderbare Blickfänge. Der räckelnde kleine Teufel hats mir besonders angetan!

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  5. 5 richensa
    10. April 2011 um 15:06

    @lakritze, irgendwann muss ich mal die Engel aus Corvey einfangen: da gibt’s so Riesenengel, die die Orgel halten müssen!

    @joulupukki, den Teufel fand ich auch bezaubernd, aber der aus Stockholm ist immer noch mein Lieblingsteufel…

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  6. 9 vau
    10. April 2011 um 16:38

    Och menno, als echte Berlina Hintahofjöre kenn ick so schöne, für anthropolojische Studien jeeichnete Folklore jar nich. So wat schnafftet jabs hier nich…

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  7. 10 kormoranflug
    10. April 2011 um 18:06

    Schöne Betrachtungen über Schützen, Teufel und Schützenköniginnen(sog. Liesl). Die Kirche sieht ja sehr wehrhaft aus und hat wohl alles gut überstanden mit und ohne Mönche.

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