02
Apr
11

Schafe im Nebel

Seit Kindertagen mag ich Schafe. Das liegt sicherlich daran, dass meine Eltern fast 15 Jahre lang Schafe hielten. Zunächst waren sie als „Rasenmäher“ auf dem fast 1/4 ha großen Grundstück gedacht, welches meiner Großmutter gehörte und welches abgesehen von dem großen Gemüsegarten, dem Steingarten um zwei Seiten des Hauses, dem Vorgarten und dem Gartenbereich, der zum Spielen für uns Kinder, zum Kaffeetrinken und abendlichen Weintrinken gedacht war. Den Schafen gefiel es auf den beiden großen Weiden und vor lauter Freude vermehrten sie sich ordentlich. Meine Schwester und ich gaben den Lämmern Namen, die meist irgendwas mit Monatsnamen zu tun hatten: Januari, Februari, Märzchen und dann die üblichen Namen: Mohrle für das große, weise Mutterschaft, Blacky für ihre Tochter, die aus der Art geschlagen war und ganz schwarz anstelle der schafsweißen Tracht mit schwarzerm Gesicht war. Januari hatten wir mit der Flasche großgezogen, weil seine Mutter die Geburt der Zwillingslämmer nicht überlebt hatte. Er wuchs zu einem stolzen Schafbock heran und übernahm im besten Bocksalter die Chefrolle in der Herde. Meiner Schwester und mir war er auch weiterhin sehr zugetan, denn ab und zu bekam er immer noch ein Leckerli extra von uns. Uns gegenüber war er großmütig genug, dass wir ihn sogar als Reittier nutzen konnten oder Fangen mit ihm spielten. Kam allerdings mein Vater auf die Koppel, besann sich der tapfere Bock auf seine Pflichten und verteidigte seine ganze Herde gegen den Eindringling, meine Schwester und mich eingeschlossen.

Was meine Schwester und ich allerdings auch früh lernten ist, dass der Sonntagsbraten auf dem Tisch nicht aus der Tiefkühltruhe kommt, sondern bis einige Tage vorher vier Beine, einen wolligen Pelz und einen warmem Atem haben konnte. Meine Eltern ließen alle Lämmer, die die Herde über die „Stammmann/schafschaft“ hinaus vergrößern würden, schlachten. Wir durften an den Tagen nur in der Nähe des Wohnhauses im Garten sein, meist kam der Metzger und der Tierarzt sogar abends. Das Fell wurde gegerbt und später lag es dann als wärmendes Schaffell plötzlich da. Wir wussten natürlich, wo die Felle herkamen, waren eine Weile auch traurig darum, aber akzeptierten dann auch die Erklärungen der Eltern, dass die Tiere nicht nur zu unserem Spaß da wären und zum Rasenmähen, sondern eben auch zum Essen.Mohrle, die große weise Schafsmutter durfte aber trotzdem bis an ihr biologisches Ende bleiben, ebenso Januari.

Das Ende der gesamten Schafsherde hat uns dann aber alle erschüttert: eines Nachts wurde die Weide von Dieben, die es auf die gutmütigen Tiere abgesehen hatten, heimgesucht. Alle Schafe wurden auf Hänger verladen und zu einem Grundstück etwas außerhalb der Stadt gebracht. Hier wurden alle Tiere in einer Nacht geschlachtet, die alarmierte Polizei konnte aufgrund von Zeugenaussagen schnell feststellen, wo unsere Schafe geblieben waren.

Wir haben danach nie wieder Schafe gehabt, nur Geflügel. Hühner kann man übrigens auch Kunststücke beibringen, leider haben sie es nie hin bekommen, unseren Vater von der Wiese zu verscheuchen, so sehr meine Schwester und ich uns auch mühten, das Federvieh „auf Mann“ zu dressieren.

Inzwischen kann man an der Oberweser wieder vermehrt Schafherden beobachten, die die wassernahen Wiesen beweiden. So musste ich unbedingt anhalten, um ein paar Impressionen der Schafe im Wesernebel einzufangen.

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13 Responses to “Schafe im Nebel”


  1. 1 karu02
    3. April 2011 um 15:28

    Einen schönen Schafsnebel hast Du hier zu Deiner Kindheitsgeschichte eingefangen.

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  2. 3. April 2011 um 21:47

    Sind das schöne Fotos! Schafe im Wesernebel merke ich mir.

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  3. 3 kormoranflug
    4. April 2011 um 13:50

    Tolle Fotos wie aus einer anderen vergangenen Weserwelt.

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  4. 4 kormoranflug
    4. April 2011 um 13:52

    Hab ich vergesssen, Rich mach mal einen Ton:…..,……, dachte ich es mir doch.

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  5. 4. April 2011 um 23:19

    Wunderbare Wolkenschafe und wunderbare Erinnerungen! (Und auch hier: vom Lauf der Dinge erfreulich untraumatisierte Ostwestfalenkinder …)
    Was kriegt man denn für das Entwenden und irreparable Beschädigen einer Schafsherde?

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    • 7 richensa
      10. April 2011 um 15:03

      Es ist im Sande verlaufen, denn es konnte nicht eindeutig bewiesen werden, dass es unsere Schafe waren: Aussage gegen Aussage…
      Unsere Schafen waren vorher halt erkennungsdienstlich nie aufgefallen, die braven Dinger!

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  6. 8 philipp1112
    5. April 2011 um 18:39

    Herrliche Schilderung aus der Kindheit mit ebensolchen Fotos von heute!

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  7. 9 joulupukki
    9. April 2011 um 20:51

    wußte garnicht, dass du in einer derartigen idylle aufgewachsen bist! erinnert mich ein wenig an lola aus night on earth.

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  8. 10 richensa
    10. April 2011 um 15:03

    @philipp: danke sehr….

    @joulupukki: wer? die Schafe oder ich? ;-)

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  9. 12 vau
    10. April 2011 um 16:32

    ui, ui, was für eine traurige Geschichte!
    also, ich wär wahrscheinlich dann schon als Kind Vegetarier geworden. Kann mich jedenfalls noch gut erinnern, wie meine eine Tante mir sagte, nach dem ich nach „meinem Hahn“ gefragt habe, „hat gut geschmeckt“.
    Aber trotzdem schön, Schafe zum streicheln! Und Schafbabies! Wie süß!

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