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Zwei Heimorgeln in Gifhorn

Heute fuhr ich in der norddeutschen Kleinstadt durch die Ödnis des zersiedelten Stadtrandes. Plötzlich wurde mein Blick von einem Haufen Sperrmülls gefangen. Inmitten von Möbeln aus den 1970er Jahren standen zwei Heimorgeln am Straßenrand. Heimorgeln!

Liebe Leser, kennt ihr die noch? Diese elektronischen Geräte, die in den 1970er und frühen 1980er Jahren in den Wohnzimmern eben jener kleinstädtischen Ödnis standen. Eine meiner Schulfreundinnen beschäftigte sich, nachdem das Spielen der Quetschkommode, das des Akkordeons so vollkommen aus der Mode gekommen war, mit dem Lernen von launigen Partyliedern. Bald stand so ein zweimanualiges Monstrum in Holzimitat im Wohnzimmer, welches durch die eichenfarbige Wohnwand schon etwas bedrückend und nichts für Klaustrophobiker war. Ach ja, es gab da auch noch die zuschaltbare Rhythmusgruppe und die Einstellungen, die dem unbedarften Zuhörer den schwachen Abglanz von Orchesterinstrumenten vorgaukelten.

Manchmal, wenn unsere Familie dort geladen waren, spielte meine Schulfreundin und ihre ältere Schwester, flankiert von den stolzgeschwellten Eltern, auf der rhythmusbumpernden Heimorgel den „Schneewalzer“ oder „Aber bitte mit Sahne“. Anfangs fand ich diese selbstfabrizierenden Klangfetzen toll, aber bald erwachte eine gesunde Skepsis vor dem Holzimitat, denn genauso wie das unechte Material war auch die Musik, irgendwie unecht.

Auch wenn die Heimorgel in ihrer Oberklasse Künstlern wie Barbara Dennerlein als wunderbares Instrument dienten, Anke M. aus Höxter fiel mir heute gleich wieder ein, als ich heute die beiden abgewrackten, alten Heimorgeln am Straßenrand von Gifhorn stehen sah. Sie sahen sehr alleine aus, ungeliebt, zeitschleifig… irgendwie doch traurig…

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8 Responses to “Zwei Heimorgeln in Gifhorn”


  1. 13. Juni 2010 um 09:28

    Schrecklich, Gänsehaut, Fieberschübe !

    Ich muß dabei immer an einen gewissen Franzl Lambert denken mit seinem ewigen „Lets hav a party“-Frohsinn.

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    • 2 richensa
      13. Juni 2010 um 16:27

      So ähnlich war es dort auch, stolz geschwellt die Eltern, besonders, wenn die beiden Töchter vierhändig das Teil bearbeiteten und in Socken die Pedale traten… Mich juckt es in den Fingern, den Namen hier zu verbreiten, aber dann wird der noch von allmächtigen Suchmaschinen hier gefunden, neeee-neeee….

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  2. 13. Juni 2010 um 23:48

    Uiuiui.

    Das Wort allerdings ist hübsch, als Plural wie als Verb: Heimorgeln …

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  3. 4 kormoranflug
    15. Juni 2010 um 20:49

    Hoffentlich sattelst Du nicht um: 4 händiges Heimorgelspiel in den Strassen von Berlin

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  4. 5 joulupukki
    29. Juni 2010 um 13:49

    wie? und du hast die Juwele NICHT mitgenommen?
    Jacky Mitoo spielt prächtigsten Heimorgel-Ska. Ich liebe ihn!

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  5. 14. November 2011 um 15:42

    Die Heimorgel ist viel mehr als bloß kleinbürgerlicher 70er-Jahre-Trash – nämlich ein absolut genialer Klangkörper, vorausgesetzt man kann sie WIRKLICH spielen (also nicht bloß mit Einfingerdudelautomatik den Schneewalzer oder den 08/15-Standard-Humpa-Humpa-Wechselbass, Hans-Enzberg-Schule Band 3…). Welches Instrument (vielleicht vom Klavier mal abgesehen, aber ist man auf eine einzige Klangfarbe beschränkt) sonst erlaubt einem als Solist vollständige Musik mit allen Händen und Füßen zu spielen?

    Fairerweise muss man allerdings auch anmerken, dass das Potenzial von Heimorgel und Heimorglern auf den millionenfach verbreiteten Low-Budget-Wohnzimmerkommoden von Yamaha, GEM oder Farfisa nicht wirklich zur Entfaltung kommt – ganze drei Fußlagen im oberen Manual und Register, die man an zwei Händen abzählen kann, ergeben nun mal weder Hammondsound noch Orchester-Bombast. Und wenn die Orgeln dann auch noch mechanisch von so schundiger Qualität sind wie die Machwerke von Bontempi oder Antonelli, ist die Verachtung der heutigen Musikwelt für die Heimorgel allemal nachvollziehbar…

    Aber gerade weil Heimorgeln so scheinbar hoffnungslos out sind, sind hochwertige Oberklasse-Modelle heutzutage durchaus für kleines bis überhaupt kein Geld zu bekommen – vor zwei Monaten bekam ich so z. B. eine Technics SX-G5 aus dem Jahr 1984 geschenkt, Neupreis 15500 DM… und abgesehen von einer defekten Speicherfunktion (die Orgel verliert die Daten, wenn man sie ausschaltet – da müssen wohl ein paar Pufferkondensatoren ausgetauscht werden) völlig in Ordnung!

    Und mit insgesamt 49 Registern (davon 8 Orgelfußlagen im oberen und 3 im unteren Manual), zusätzlich noch 20 Orgelpresets, kommt eine solche Orgel einem elektronischen Orchester schon näher, auch wenn der Orgelsound nicht wirklich mit Barbara Dennerleins Hammond B3 vergleichbar ist.

    Mein Traum wäre ja ein voll programmierbarer Synthesizer in Orgelform… so etwas ist leider von den großen Herstellern viel zu selten versucht worden, eigentlich gibt es da nur die/den Yamaha Electone GX-1 von 1975… ein dreimanualiges Riesenschiff, von dem kaum 100 Exemplare gebaut worden sind, außerhalb Japans existiert nur eine Handvoll, zumeist im Besitz von Rockgrößen wie Keith Emerson und Stevie Wonder.

    Ein Argument für den Niedergang der Heimorgel leuchtet allerdings auch mir ein: die Biester sind tonnenschwer! Wer wie ich in einem Haus ohne Aufzug im zweiten Stock wohnt und sich z. B. in der Elektrobucht seine Traumorgel geschossen hat, der hat erst einmal die sprichwörtliche Arschkarte gezogen. Schon eine Technics der G-Klasse wiegt um die 100 kg, elektromagnetische Tonrad-Hammonds fangen bei 150 kg an, und eine B3 kommt mitsamt Leslie-Kabinett, Bank und Vollpedal auf über 250 kg! Kurz, ich kann jeden Roadie verstehen, der sich keinen Bruch heben will, und folglich auch jede Band, die statt solcher Nussbaum-Schlachtschiffe lieber mit kleinen leichten Digital-Hammondclones wie z. B. dem Clavia Nord auftritt – klanglich sind die Teile mittlerweile kaum mehr von Original-Hammonds unterscheidbar, im Gedröhn eines Rockkonzerts schon mal gar nicht.

    Und den orchestralen Bombast haben Elektronikmusiker wie Klaus Schulze, Vangelis oder Larry Fast schon immer realisiert, indem sich sich ganze Synthesizer-Burgen auf Racks ins Studio stellten, das ist ergonomisch beim Spielen zwar nicht ganz so bequem wie eine Supersynthesizerorgel à la Yamaha GX-1, dafür aber wesentlich leichter zu transportieren (und wirkt auf der Bühne auch nicht so Franz-Lambert-mäßig).

    Es gibt also vermutlich deswegen so gut wie keine echten Synthesizerorgeln, weil sie für Profis insbesondere bei Auftritten unpraktisch sind – und der durchschnittliche Wohnzimmerorganist mit den Klangmöglichkeiten eines vollwertigen Synthesizers anscheinend überfordert ist.

    Aber träumen wird man doch noch dürfen…

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    • 7 richensa
      14. November 2011 um 18:44

      Hui… das ist doch einmal ein donnerndes Fanal, nein, ein mit allen gezogenen Registern erschütternd gespielter Tusch für die Orgeln!
      Im Ernst: vielen Dank für diesen Co-Beitrag, der – herzlichen Glückwunsch – länger als mein Originalgeschwurbel ist!

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