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Jul
09

Fenster zum Hof

Wo immer ich meinen Hut hinlege, da bin ich zuhause… Dazu habe ich schon einmal hier ein paar Worte geschrieben. Nun kommen noch ein paar zu meiner persönlichen Hutablage dazu: ich wohne in einem dieser typischen Berliner Mietshäuser, die ein Vorderhaus, einen Seitenflügel und ein Hinterhaus haben. Und dazwischen liegt der mehr oder weniger nette Hof oder eventuell auch gleich mehrere hintereinander, was ursächlich mit der Zahl der Seitenflügel und Hinterhäuser zu tun hat. Kurz und gut: mein Hof ist nett, auf dem unsere Nachbarin Heidi ihre Herrschergelüste verwirklicht, denn eigentlich darf niemand außer ihr selber etwas in den Hofbeeten anpflanzen. Mein zaghafter Versuch mit ein paar Erdbeerpflanzen wurde verbal freundlich, danach praktisch gärtnerisch niedergemacht, aber ich wusste damals noch nicht um ihre Hoheitsrechte. Immerhin sorgen zwei pechschwarze Hofkatzen hoheitsvoll für die Rattenfreiheit.

Das Nachbarhaus ist eines der wenigen hier in der Ecke, die noch nicht renoviert, saniert und teuer wiedervermietet oder gar eigentumsbildend verkauft wurden. Mein Fenster vom Hof geht von der Küche aus und bietet fast so etwas wie einen Logenplatz, denn vom 4. Stock kann man gut in alle Fenster schauen. Wem das nicht recht ist, dass der Nachbar schaut, hängt Blickdichtes hin.

Seit genau 10 18 34 Tage lang fesselet etwas ganz ungemein meine Aufmerksamkeit:

Fenster zum Hof_01

06.07.09: Hemden, rumhängend

Nun ja, es sind vier weiße Hemden, die gebügelt im offenen Fenster hängen. An sich wäre das nicht ungewöhnlich, wenn sie genau so nicht schon seit zehn Tagen dort hingen! Tag und Nacht, bei Regen und Sonne, seit 10 Tagen.

Das eine ist sogar eines mit Knopflöchern für Manschettenknöpfe, es hängt auf einem hölzernen Kleiderbügel (Stöckchen für Lakritze!).

Fenster zum Hof_07

08.07.09: Hemden, bei leichter Sonne rumhängend

Was ist bloß mit dem Hemdenträger passiert oder mit der BüglerIn?

Also, er oder sie könnte unvermutet im Lotto gewonnen haben und zwar so viel, dass er oder sie spontan beschlossen hat, alles (also das ganze Leben & Berlin) hinter sich zu lassen, fürderhin nur noch ungebügelte Kokosnussschalen und Baströckchen resp. Eisbärenfelljacke über Seehundfellhosen zu tragen.  Das wäre die für den/die sonstigen BüglerIn angenehmste Geschichte.

Als Variante könnte man sich vorstellen, dass er oder sie beschlossen hat, nie mehr zu bügeln und so dem Protest eine sichtbare Note verleiht: „Seht her, ich kann bügeln! Aber ich werde es nie wieder tun!“

Nun kommen die unangenehmeren:

Er/Sie hat sich am Bügeleisen verbrannt, ab in die Notaufnahme und dort seit 10 Tagen => unwahrscheinlich, so lange bleibt man mit einer bügeleisenförmigen Brandwunde nicht im Krankenhaus.

Er/Sie wurde vom Hemdenträger umgebracht, weil das letzte Hemd nicht schön genug gebügelt war. Wenn dem so war, kann das Mordopfer nicht in der Wohnung liegen, sonst wären schon, (verzeiht, es ist ekelig) große schwarze Vögel da, die sich am Leichnam laben würden und kleine Krabbeltiere. Letztere sehe ich natürlich nicht von meinem Küchenfenster.

Was wohl passiert ist? Bin ich zu neugierig??

Gerade regnet es wieder, das Fenster steht offen, leise blähen sich die Hemden im Wind……

Fenster zum Hof_03

10.07.09: Hemden, bei Regenschauer rumhängend, ca. 13 Uhr.

11.07.09: Hemden in der Dämmerung, ca. 21.39 Uhr

11.07.09: Hemden, in der Dämmerung rumhängend, ca. 21.39 Uhr

Neuigkeiten am Fenster: Und wieder sind ein paar Tage vergangen, aber heute scheint Bewegung in die Sache zu kommen, nein, nicht in die weißen Hemden. Die hängen weiter wortlos herum, aber sie haben kurzzeitig Gesellschaft gehabt.

15.7.09: Gemeinsam rumhängen, nun auch in roter Gesellschaft

15.7.09: Gemeinsam rumhängen, nun auch in roter Gesellschaft (s. links)

Es ist Freitag abend, nach dem Gewitter ist es wieder ruhig im Hof geworden, aus einem Fenster schallt vielstimmig eine der wunderbaren Damen-Combos der 1960er Jahre, ein Sommerabend…

17.07.09: Hemden, im Fastdunklen herumhängend, leise zur Musik mit dem linken Ärmel wackelnd.

17.07.09: Hemden, im Fastdunklen herumhängend, leise zur Musik mit dem linken Ärmel wackelnd.

Heute morgen, als ich aufstand, hingen die Hemden noch so, wie ich sie heute nacht, als ich gen Schlafstatt strebte, im schalen Schein der Berliner Nacht gesehen hatte. Zugegebenermaßen habe ich nicht soviel Zeit wie eine echte Miss Marple, die diese 19 Tage lang auf der Lauer gelegen hätte, um den genauen Zeitpunkt nicht zu verpassen, an dem die Hemden sich endlich bewegen. So war ich ganz erschrocken, als mein Besuch die Veränderung am Fenster gegenüber bemerkte, die ich versäumt hatte.

19.07.09: Hemden, nach Platzwechsel erneut rumhängend

19.07.09: Hemden, nach Platzwechsel erneut rumhängend

Ein Teil der Hemden scheint nun in Gebrauch zu sein, der Besitzer scheint wieder aufgetaucht. Er kam in grauer Jogginghose, hinterließ diese auf dem Fensterbrett und muss wohl in das Manschettenknopfhemd geschlüpft sein. Ich hoffe natürlich, dass er auch ein adäquates Beinkleid dazu trägt.

Mal schauen, wie lange die Jogginghose im Fenster rumliegt.

23.07.09: Hemd hängt rum, Jogginghose hängt ab.

23.07.09: Hemd hängt rum, Jogginghose hängt ab.

23.07.09: Hemd hängt rum, Jogginghose liegt rum im Abendlicht

23.07.09: Hemd hängt rum, Jogginghose liegt rum im Abendlicht.

Und wieder senkt sich der Abend über den Hof, alles hängt und liegt an Ort und Stelle.

26.07.09: zwei Hemden hängen noch, die Jogginghose liegt auch noch rum.

26.07.09: zwei Hemden hängen noch, die Jogginghose liegt auch noch rum.

Heute ist der 4. August und ich habe beschlossen, die öffentliche Fensterbeobachtung einzustellen, denn die weißen Hemden und auch die Jogginghose sind endlich in’s Innere der Wohnung zurück gekehrt. Als ich heute morgen den noch schlaftrunkenen Blick über den Hof schweifen ließ, sah ich es:

hemd_15

04.08.2009: keine weißen Hemden mehr, die rumhängen

Die langwierigen Untersuchungen, nächtlichen Beschattung der weißen Hemden haben ein Ergebnis erbracht: ihr Mensch scheint ein unorthodoxes Lüftungsverhalten und ein offensichtlich ein Platzproblem (resp. keinen Schrank) zu haben. Kein Mord, keine Geheimnisse um die Hemden. Schade eigentlich!

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26 Responses to “Fenster zum Hof”


  1. 10. Juli 2009 um 14:38

    Wow, was für ein Krimi! Eine plötzliche Wandlung zum Frischluft- und Freikörper-Fanatiker? Ausgesperrt (und gleich woanders eingezogen)? Sehr, sehr sehr vergeßlich –?
    Nein, Rich, Du bist nicht zu neugierig.

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  2. 2 donqyxote
    10. Juli 2009 um 16:32

    Die Hemden wurden zum Bleichen in der Sonne im Fenster aufgehängt, , aber weil es immer wieder dazwischen regnet, bleiben sie zum Trocknen hängen.
    Ich bitte um eine Fortsetzung der Geschichte samt Fotos und bin jetzt auch neugierig.

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  3. 4 kormoranflug
    10. Juli 2009 um 19:36

    ich kenne mich mit weissen Hemden nicht so aus, aber ich glaube dongyxote hat recht, die Hemden hängen nach dem Bügeln zum Bleichen aus. Ausserdem schaukeln sie wie ein „Mobile“ im Wind und fangen den Blick der neugierigen Nachbarin ab…
    grüsse, vom schwarzen Vogel

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    • 5 richensa
      11. Juli 2009 um 19:17

      Lieber schwarzer Vogel,

      sie, die Hemden, fangen meine Blicke nicht ab, sondern ziehen sie geradezu magisch an, das ist ein großer Unterschied!
      Hochachtungsvoll
      Miss Marple

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  4. 6 joulupukki
    10. Juli 2009 um 21:42

    Tja … Hemden ins Fenster zu hängen kann ziemlich ins Auge gehen. Einem Freund von mir hat das schon mal eine eingetretene Türe und eine Wohnung voller VEGA Polizisten eingebracht. Eine neugierige (! :-p ) Nachbarin hat die gerufen, weil er sich zu laut mit seiner (Ex-) Freundin gezofft hat. Und während er sie dann nächtens zum Bahnhof begleitete, war der Polizeieinsatz vor der Tür und hielt den Schatten des Hemdes für die erhängte Ex …
    Aber Du machst doch sicher erst den Schnuppertest, bevor Du zum Hörer greifst, stimmts? ^^

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    • 7 richensa
      11. Juli 2009 um 19:32

      Natürlich halte ich mein Näslein witternd in die Luft, bevor ich zum Hörer greife und die Berliner Grün- und Schwarzkittel herbeizitiere…

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  5. 10. Juli 2009 um 23:01

    Berliner Hinterhof-Cluedo!? Mein Tipp: Nachbarin Heidi mit der Gießkanne am Gurkenbeet.

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  6. 10 berndb
    11. Juli 2009 um 00:42

    Nun, Miss Marple, ich denke, der Besitzer der Hemden ist flüchtig. Eine Frau dazu gibt es derzeit nicht. Denn diese hätte die Hemden bereits hereingeholt, sofern sie noch lebte…..

    Eine abschliessende These wäre der eigentümliche Hemdenbesitzer weilte bei Ihnen in dieser Deka…

    Herzlichst,
    Stinger.

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  7. 12 kormoranflug
    12. Juli 2009 um 08:55

    ich bin echt froh, dass ich nur schwarze Federn habe.

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  8. 15. Juli 2009 um 17:36

    Und? Hängen sie immer noch dort?

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  9. 16 donqyxote
    19. Juli 2009 um 01:22

    Und ich habe jetzt herausgefunden, wohin die Hemdenbüglerin entschwunden ist.
    Sie heißt Hazel und bügelt jetzt in diesem Moment vor der Weltöffentlichkeit weisse Oberhemden auf dem fourth plinth.
    Da hat mich grad die lakritze mit angesteckt.
    Echt mitten in der Nacht, wer es nicht glaubt, soll nachschauen:
    hier:
    http://www.oneandother.co.uk/
    von o bis 1 uhr am 19.7., alles ist dokumentiert.

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  10. 17 donqyxote
    19. Juli 2009 um 01:50

    und das sagt die Hazel zu ihrer Bügelei:

    I am a community artist, specialising in textile art. I used to be in a touring theatre company. I thought being on the plinth would be a good opportunity to use my performance skills to express something about what it is to be a woman, and an artist. I plan to use the time to carry out a mundane but

    meaningful task which will give viewers a chance to reflect peacefully on how and why women nurture others, and why this creativity is unsung.

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  11. 18 donqyxote
    21. Juli 2009 um 19:47

    Ich warte gespannt auf die Hemdenentwicklung !

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    • 19 richensa
      23. Juli 2009 um 06:12

      Dein Wunsch ist mir natürlich Befehl: habe mal fix aus dem Fenster fotografiert, heute abend gibt es noch ein weiteres Foto, dann wahrscheinlich nicht verwackelt ;-)

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  12. 20 donqyxote
    23. Juli 2009 um 18:28

    Danke, Jogginghose

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  13. 21 richensa
    4. August 2009 um 19:26

    So… es hängt immer noch eine Menge hinter den geöffneten Fenstern zum Hof, aber die weißen Hemden sind es leid gewesen, von mir fotografiert zu werden….
    :-(

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  14. 16. August 2012 um 19:42

    Und noch mal den Hemdenkrimi nachgelesen. Hach! Das waren noch Probleme, so was gibt’s heute gar nicht mehr! .) (Hier übrigens habe ich mich neulich mit Schrecken im Schlafzimmerspiegel der Wohnung gegenüber gesehen. Seitdem gucke ich nicht mehr zu genau aus dem Fenster …)

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