15
Jan
09

Café au lait, s’il vous-plaît…

Da steht sie nun vor mir, meine kleine Bolle mit einem Milchkaffee gefüllt. Die roten Blumen auf der ganz zart gelben Glasur, die den rötlichen Ton durchschimmern lässt, scheinen sich fast noch etwas im Mistral zu wiegen, der in der letzten Septemberwoche durch den kleinen Bergort Moustiers-Ste-Marie pfiff.
Das Dorf oberhalb des St-Croix-Stausees war bereits im 16. Jahrhundert für seine Keramik berühmt, die Einwanderer aus dem Norden Italiens hier herstellten. Der Keramikforscher nennt diese recht nüchtern: “hell glasierte Irdenware auf rot brennendem Scherben, bemalt”, andernort wird sie nach dem italienischen Ort “Faience” genannt. Die Produkte aus Moustier-Ste-Marie erlebten bis ins das 18. Jahrhundert ihre Blütezeit, sogar Madame Pompadour soll einige Stücke ihr Eigen genannt haben. Dann begann aber mit dem Siegeszug des Porzellans und seiner preisgünstigeren Herstellung auch in den europäischen Manufakturen der Niedergang dieser hohen Handwerkskunst, nur in bäuerlichen Umfeld blieb diese einfache Keramik das Geschirr für alle Tage. Noch heute wird sie in Archäologenkreisen, die für Neuzeitforschung wenig übrig haben, “Bauernkeramik” genannt, sehr zu Unrecht!
der Laden
Als ich in den kleinen, zurückhaltend dekorierten Laden in Moustier-Ste-Marie trat, saß Michel Fine ganz still da, in der rechten Hand den nur wenige Haare dicken Pinsel und zeichnete diese feinen Blumen auf eine große Schale, die nach dem ersten Brand, dem Schühbrand, schon den weißlichen Malgrund zeigte. Nur ein kleines Kopfnicken gab es als Gruß. Auf Tischen und in den Regalen standen die Erzeugnisse seiner Töpferkunst, die er zusammen mit einem Kollegen, Serge Sabatier, hier verkauft. Deutlich sind auch die unterschiedlichen Handschriften der beiden Töpfer zu erkennen. Während Fine, ganz dem Namen verpflichtet, wunderbare Blumenmotive in immer wieder anderen Kombinationen aufmalt, zeigen die Stücke von Sabatier eher einen rustikalen Karotouch, der zu einem fröhlichen Frühstück auf dem Land perfekt passt.
Lange habe ich zugeschaut, wie diese feinen Blumen geradezu aus dem Pinsel flossen und dann den Töpfer ganz zaghaft gefragt, ob er wohl auch kleinere Teile fertigt, denn so eine wunderbare große Schale hätte mein Budget gesprengt.
Er lächelte etwas, als ich ihm meine Bitte vortrug und versprach mir zwei Bolles. Wir vereinbarten, dass ich ihn anrufe, um zu fragen, ob sie Schälchen auch den zweiten Brand, den Glasurbrand, fehlerfrei überstanden haben würden, um sie dann ein paar Tage später abholen zu können.
Und das ist eben echte Handwerkskunst: der erste Brand gelang nicht, ein Fehler in einer der Schalen hatte die stundenlange Malerei zerstört, erst der zweite Anlauf gelang.
Fast schon auf der Rückreise habe ich dann meine Bolles abgeholt, sogar einen Umweg gefahren, noch einmal durch die Berge durch, aber jeder Zentimeter dieser Fahrt war es wert.
Mit diesem kleinen Lächeln, nun aber mit Stolz gemischt, überreichte mir M. Fine die Schalen.
Mistral gagnant…

meine Bolle

Zwei Jahre später bin ich zurück gekommen, habe Urlaubsgeld zur Seite gelegt und noch eine große Schale und zwei kleine Kaffeetassen gekauft. Monsieur Fine schenkte mir ein kleines Lächeln, als ich ihm, dem Provencalen versicherte, dass es den kleinen Bolles gut ginge und dass jedes Frühstück mit ihnen die Wärme meines Urlaubs erinnern hilft.

Poterie de la ferme de Milan
rue de la Bourgarde,
F-04360 Moustiers Ste Marie
+33 (0)4 92775676

Öffnungszeiten:
ca. 10.30 – 12.30, 14 – 19 Uhr
Mo geschlossen, manchmal auch nicht, manchmal auch an anderen Tagen

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1 Response to “Café au lait, s’il vous-plaît…”


  1. 1 Uleuno
    8. Februar 2009 um 12:15

    wirklich wunderbar geschrieben! Man hat das Gefühl dabei gewesen zu sein ;-)

    Gefällt mir


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