13
Dez
08

Landpartie mit Heinrich Heine

Eines habe ich inzwischen in Brandenburg gelernt: vertraue den Straßenschildern nicht unbedingt, auch wenn eine Kilometerangabe darauf steht. Irgendwann habe ich einmal gelesen, dass man nicht immer dieselbe Strecke für einen täglich wiederkehrenden Weg wählen soll, um das Gehirn in Schwung zu halten. Dummerweise habe ich an jenem Tag im Juni gedacht, dass ich das unbedingt einmal ausprobieren sollte: Nicht immer die gut ausgebaute, schön zu befahrende Straße zwischen Rosengarten und Pillgram benutzen, dachte ich mir! Nein, an jenem Tag sollte es mal die andere Strecke zwischen Lichtenberg und Pillgram sein, schließlich hatte ich die Straßenschilder mit dem Hinweis „Pillgram“ schon gesehen. Mein Auto war übrigens zwei Tage vorher mit mir in der Waschanlage und glänzte noch so schön schwarz-lacken. Also bog ich in Lichtenberg, dem Hinweisschild ohne Kilometerangabe folgend, ab. Kaum war das Schild außer Sichtweite, verengte sich die Straße, zunächst unmerklich, dann wechselte der Belag von Teer zu Betonsteinen, die auf das Befahren mit einem hübschen Klicken unter den Rädern reagierten. Kaum hatte ich mich auch daran gewöhnt, wechselten die Betonsteine zu Kopfsteinpflaster, der Bewuchs links und rechts wurde etwas wilder, Kühe nickten mir von der Weide rechts aus zu. Ein kleines Wäldchen spendete Schatten. Leider verschwanden nun auch die Pflastersteine, um ausgefahrenen Spuren im Matsch vorzulassen. Längst war der Weg natürlich so eng, dass selbst ich, mit Berliner Parklückeneinparkerfahrungen, nicht mehr wenden in zwei Zügen ausprobieren konnte. Rückwärts bis Lichtenberg wollte ich auch nicht fahren, was hätten die Kühe wohl von mir denken können?? Also, Augen auf und durch! Der Matsch schwappte gluckernd bis auf Fensterhöhe und zweimal setzte der Wagen auch auf.

Eigentlich wäre dieses die perfekte Umgebung, um so einen Film über Heinrich Heine zu drehen, der in einer Kutsche, die den Ärmsten entsetzlich durchschüttelt, durch Deutschland fährt und Verse voller Abscheu über Teutonien schmiedet.

„Die Sonne ging auf bei Paderborn

beleuchtet die dumme Erde.“

mit stark verdrossner Gebärde,

sie betreibt in der Tat ein verdrießlich Geschäft,

beleuchtet die dumme Erde.“

Ach Herr Heine, wie wahr!

Diese Etappe meiner „tour de Brandenbourg“ hat, wie ich später durch einen Blick auf die Uhr feststellen konnte, nur ca. 20 min gedauert, mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Allerdings habe ich mehrfach angehalten, um die Straße, nein, diesen mittelalterlichen Pilgerweg im Bilde festzuhalten. Und ich habe mich sehr gefreut, als ich das Ortsschild von Pillgram endlich sah!

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