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Ein wahrhaftes Erinnerungsengramm!

18.10.2007
Als ich gestern auf radio-eins die Geschichte von „Container Love“ von Philipp Boa hörte, musste ich sofort an den „Keller“ denken. Das liegt daran, dass mein Gehirn sehr assoziativ aufgebaut zu sein scheint und ich mit dem Lied die Dunkelheit und den Dekorauch der Diskothek meiner ostwestfälischen Heimatstadt verbinde.
Genaugenommen ist es ein Nachruf auf den „Keller“, denn seine Geschichte endet jäh in einer kühlen Oktobernacht des Jahres 2006. Ein Autofahrer bemerkte, als er am 17. Okotber gegen 3 Uhr morgens auf der B 64 unterhalb des Felsenkellers entlangfuhr, den Flammenschein. Ein Großaufgebot der Feuerwehren aus Höxter und Umgebung versuchte stundenlang, das Feuer zu löschen, leider vergeblich. Am darauf folgenden Morgen war das Ballhaus Felsenkeller Geschichte, abgebrannt zu einem Zeitpunkt, als das letzte Konzert vor dem endgültigen Aus schon vor der Tür stand.
Genau genommen ist es das Ende einer langen Geschichte, die rauchenden Ruinen vieler Geschichten.
Der Höxtersche Felsenkeller war seit dem späten 19. Jahrhundert zu einem Ausflugslokal mit einem großen Saal mit Bühne oberhalb der Kleinstadt umgebaut worden, und konnte somit als Theater genutzt werden. Errichtet im Fachwerkstil jener Zeit, etwas „gothic“ mit Türmchen, der Ausblick auf die Weserschleifen Richtung Boffzen und Fürstenberg. Das zog den Höxteraner hierher, zu Kaffee und Kuchen und zu vielfältigen Veranstaltungen. Der Aufstieg zum Felsenkeller auf dem Berg war steil. Der Name kam ursprünglich von den Eiskellern, die vor der Erfindung von elektrobetriebenen Kühleinheiten unterhalb des Lokals in das Gestein des Ziegenberges getrieben worden waren.
Meine eigenen Geschichten reichen in die frühen 1970er Jahre zurück. Damals war der Felsenkeller noch ein städtischer Veranstaltungsort, in Ermangelung einer Stadthalle (andere Geschichte, mindestens genauso lang!). Ich erinnere mich nicht mehr, zu welcher Veranstaltung unser Kindergarten dort eingeladen war, aber dass die ältere Schwester von Corinna ein tolles Gedicht von einer „Katze mit der Brille“ aufgesagt hat, weiß ich noch genau. Diese Katze hatte eine rosarote Brille und die Welt war nur schön für sie. Warum ich einen Blumenstrauß halten musste, ist mir auch entfallen, aber eine Frau von der Zeitung war da und hat fotografiert. Dann verschwindet der Felsenkeller lange Jahre aus meinen Erinnerungen.
Anfang der 1980er Jahre war er verkauft und wurde von privaten Betreibern als Diskothek eröffnet. Und wurde somit zum „hot-spot“ der auf dem Sektor der Unterhaltung arg strukturschwachen Region. Wer in den „Felsenkeller“ ging, war „in“, war dabei. Für alle jenseits der 40 war der „Keller“ damals der Hort allen Übels und für die unter 40 der Ort, wo man entweder ewig jung oder endlich alt genug sein konnte. Er war Grund für Familienkräche, die mit geschrieenen „aber alle anderen dürfen auch….“ einen lautstarken Höhepunkt fanden oder am Folgetag der Anlass für den nächsten Zank. Meine Mutter ist übrigens mal mit der Mutter meiner französischen Freundin dort hin gefahren, stand tagsüber draußen davor und hat ihr ausführlich erklärt, dass ihre und die eigene Tochter niemals nicht in diesen Drogensumpf gehen dürften! Jahre später tanzte mein kleiner französischer „Bruder“ ziemlich betrunken dort auf dem Tisch und dann war da noch Allison, die nymphomane Amerikanerin…. hui, das wird indiskret!
Als ich endlich drinnen war, hatte ich hier meine ersten Cocktailerfahrungen, Southern Comfort mit Kirschsaft! Wer sich bei dem Gedanken an dieses Gebräu schüttelt, hat inzwischen meine Zustimmung. Der Geschmack dieser Mischung ist untrennbar mit dieser Disco verbunden, vorne vor der Bühne wurde getanzt, gerne zu dem, was sich später als Independent gut verkaufte. Auf der Bühne, im fast völligen Dunkel saßen zumeist die durchtrainierten britischen Gäste aus Paderborn mit ihren deutschen Freundinnen, wild knutschend, denn hier nicht das in der Region nicht ungewöhnliche Schild „Out of bounds“. Abseits der Tanzfläche standen die, die viel zu cool waren, um zu tanzen. Gegenüber der Bühne, hoch oben gab es den Platz für den DJ in der ehemaligen Loge. Wem hier Zutritt gewährt wurde und wer sich hier einen Song wünschen durfte, war sozusagen geadelt. Meine Schwester hat es übrigens geschafft!
Neben dem Discobetrieb veranstaltete der Felsenkeller auch Konzerte von Bands, die gerade im Kommen waren oder die noch gänzlich unbekannt waren. Fury in the Slaughterhouse war hier, Anne Clark, die Toten Hosen, die Ärzte und eben auch Philip Boa, irgendwann Ende der 1980er Jahre. Und zwischendurch war der Felsenkeller immer wieder von Pleiten und Schließungen aufgrund von Baufälligkeiten und feuerpolizeilichen Auflagen bedroht. Wenn es einmal wieder soweit war, wurde innerhalb kurzer Zeit, lange vor der Verbreitung von Mobiltelefonen und Internet, Demonstrationen organisiert. Unsere Schule war mehrfach fast lahmgelegt, weil alle am Samstag auf die „Keller – Demo“ gingen. Unglaublich heute! Es war so, als ob uns angedroht worden war, das Herz bei lebendigem Leibe herauszureißen. Wie die beiden Betreiber es immer wieder in letzter Sekunde schafften, den Keller doch vor der Schließung zu bewahren, bleibt mir heute ein Rätsel, warum der Keller es nie auf die Denkmalliste der Stadt Höxter schaffte, im Übrigen auch.
Ende der 1990er Jahren lief es aber dann nicht mehr so gut. Meine Schwester und ich gingen, nachdem wir nicht mehr in Höxter lebten, nur am 1. Weihnachtsfeiertag auf ein paar Southern Kirsch hierher und tanzten dann auf „Container Love“ und ähnliches. Während man sieben oder acht Jahre vorher hierbei kaum einen Zentimeter Platz auf der Tanzfläche hatte, waren wir dann recht alleine vor der Bühne und mussten noch einen oder zwei Southern Kirsch trinken, das Höllenzeug!
Tja und letzten Oktober rief mein Vater mich eines Morgens recht früh an. „Hast du schon gehört? Der Felsenkeller ist abgebrannt!“ „Oh nein!! Ich muss sofort Isa anrufen!“ „Ja, mach das!“ Er legte auf. Ich rief meine Schwester an. „Hast du schon gehört? Der Keller ist abgebrannt!“ „Ohhh nein!!!!! Wo sollen wir denn nun unseren Southern Kirsch trinken?“ „Süße, wir werden diese Scheußlichkeit nie wieder einen trinken, er hat eh nur da geschmeckt!“
Der Felsenkeller ist nicht mehr, uns bleiben nur die vielen Erinnerungen. Wie sang Fury noch gleich? „Won’t forget these days….“

26.04.2008
Heute war ich in Höxter und beschloss, den Resten einen Besuch abzustatten. Als ich die Ruine sah, musste ich wirklich heftig schlucken… und stellte fest, dass es wirklich aus und vorbei ist mit dem Keller und mir! Und es lag nicht an mir……


7 Antworten to “Ein wahrhaftes Erinnerungsengramm!”


  1. 1 berndb
    28. November 2008 um 00:28

    args, der keller ist wech? abgefackelt? was war das geil dort. ( darf ich das sagen, in aller öffentlichkeit? ) egal. es war geil dort. sehr schade darum.

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  2. 28. November 2008 um 14:08

    Ohne so eine Geschichte kann man wohl nicht älter werden. Wobei Abbrennen schon ziemlich, naja, radikal ist …

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  3. 3 richensa
    30. November 2008 um 17:25

    Wenn ich mal wieder mehr Zeit habe, lade ich hier die passenden Bilder auch wieder hoch, habe auch noch nicht alle bei der uns bekannten Plattform gelöscht, allerdings die vom „Keller“ schon….

    Tja, Bernd, wir haben uns nie im Keller getroffen, du warst zu spät für mich dort… Jahre zu spät ;-))

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  4. 4 wassily
    1. Dezember 2008 um 13:17

    Zumindest was den „Southern Kirsch“ betrifft hält sich der Verlust in Grenzen.

    Irgendwie ist es schon ein zweispältiges Gefühl, wenn man nach Jahren in seinen Geburtsort zurückkehrt und von dem, was einst vertraut war, ein zweites Mal Abschied nimmt oder nehmen muß. Da tröstet die intensive Erinnerung an gute wie an schlechte Zeiten, damals, daheim….

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  5. 5 beatnix
    10. Dezember 2008 um 20:30

    beatnix bekräftigt hier nochmal, wie sehr sie richensa um diesen „Jugend-Treffpunkt“ beneidet. Das Rhein-Main-Gebiet hatte nichts wirklich Vergleichbares zu bieten.

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    • 6 richensa
      13. Dezember 2008 um 11:55

      Liebe beatnix,

      danke dir!
      Nun, wo der „Keller“ abgebrannt ist, bleibe ich auch am 1. Weihnachtstag nur bis nach dem Kaffeetrinken in den OWL-Gefilden, dann fahre ich schnell nach Hause, nach Berlin…

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  6. 14. Februar 2019 um 22:21

    Nur so, falls mal jemand hier vorbeiliest…

    Es ist kein Ersatz, wirklich nicht, aber die Musik und auch einige Leute von damals kann man regelmäßig auf den Revival Parties treffen.

    Unter http://www.BallhausFelsenkeller.de gibt es die Termine und natürlich auch bei Facebook.
    Einfach mal vorbeischauen, Freunde mitbringen und einen netten Abend haben.

    Location ist die Tonenburg. Auch schon leicht kultig ;-)

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