23
Nov
08

Bursfelde spricht sich [bu:asfelde]

Wer als adelige Familie des frühen und hohen Mittelalters etwas auf dieselbe hielt, gründete ein Kloster oder ein Stift auf eigenem Besitz. Hier sollten Mönche oder Nonnen für das Seelenheil der Klosterstifter beten und sich im Regelfall auch um die Grablege ihrer Familienmitglieder kümmern, daneben sollte es natürlich auch als Darstellung der eigenen Dynastie dienen.
So sollte auch die Benediktinerabtei Bursfelde im Jahre 1093 als Haus- bzw. Familienkloster der wohlhabenden Grafen von Northeim gegründet werden. Die geistliche Ausstattung und Leitung übernahmen die mächtigen Erzbischöfe von Mainz, deren Einflussgebiet sich bis in Teile des Oberweserraums erstreckte.
Trotz einiger Schwierigkeiten bei der zukünftigen Verwaltungsstruktur des Klosters gelang es schließlich, Erzbischof Ruthard von Mainz, die freie Abtwahl, die formale Selbstständigkeit des Klosters durchzusetzen, zudem war die klösterliche “Erstbesatzung” aus Corvey, dem Großkloster etwa 40 km stromabwärts, gekommen. 1101 wurde der Klosterstifter, Heinrich der Fette von Northeim in Friesland erschlagen und im Gründungsbau, der „Westkirche“, einer dreischiffigen Basilika, die damals schon vollendet war, beigesetzt, wie er sich das gewünscht hatte. Da er ohne männliche Erben war, fiel das Erbe an seine Tochter Richenza von Northeim (ja, genau, meine Nicknamegeberin!) und ihren Mann, Lothar von Süpplingenburg, den späteren Kaiser Lothar III.
Als Kaiserin ließ Richenza nach 1135 an die bestehende Basilika einen prächtigen Ostchor anbauen, der als fast eigenständiger Kirchenteil erscheint. Hier lässt sich sicherlich neben der Größe des Konvents, der hier während der Gebete und Messen seinen Platz fand, aber auch der Wunsch der Kaiserin nach Repräsentation des eigenen dynastischen Hintergrundes erkennen.
Schon unter ihrem Enkel, dem mächtigen Reichsfürsten Heinrich dem Löwen, geriet Bursfelde aus dem Fokus des Interesses, im weiteren Verlauf des Mittelalters sind keine größeren Bauaktivitäten am Kloster belegt, ein Glücksfall für die Erhaltung der Doppelkirchenanlage.
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Klosterkirche noch einmal tiefgreifende Umbauarbeiten: der Ostchor wurde zur Gemeindekirche, Fenster an der Giebelwand wurden vermauert und der Chorabschluss wurde durch pseudoromanische Einbauten vereinheitlicht. Zudem wurden die Trennmauern zur Westkirche errichtet, ebenso die Seitenschiffe mit einer übermannhohen Mauer abgetrennt. So war aus dieser wunderbaren romanischen Basilika und Langchor ein merkwürdig unterteiltes Gebäude geworden, welches heute nur noch höchst unvollkommen die einstige Architektur erahnen lässt. Immerhin wurde von dem Plan, in der Westkirche Kühe einziehen zu lassen, abgesehen!
Die Turmanlage wurde erst 1903 in Form eines Westwerkes errichtet, und die wunderbaren Wandmalereien in Ost- und Westkirche erst in den 1950er Jahren wieder unter der neuzeitlichen Tünche hervorgeholt.
Im Langchor, im nördlichen Obergaden, hat sich die Darstellung eines der beiden Kirchenpatrone am besten erhalten: Nikolaus von Myrna, als Schutzpatron der (Weser-) Schiffer und Kaufleute. Steht man hingegen in der Westkirche sollte man sich unbedingt Zeit für die Darstellung des Gleichnisses von den klugen und den törichten Jungfrauen nehmen, elegante Damen flanieren auf den Wänden des Männerklosters.

Klosterkirche St. Thomas und Nikolaus
Klosterhof 5, an der Landesstraße L 561,
34346 Hann. Münden OT Bursfelde
+49 5544 1758
http://www.kloster-bursfelde.de

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