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Nov
08

Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle

Im Entwurfsordner gefunden, von Anno 2008: Es ist vollbracht!
Am letzten Donnerstag hat das Museum für Vorgeschichte seine mächtigen Bronzetore wieder für die Besucher geöffnet. Seit zwei Jahren war der mächtige Museumsbau aus dem Jahre 1911 geschlossen, da er für die Erfordernisse moderner Ausstellungstechnik entkernt und umgebaut wurde. Bis vor zwei Jahren hatten neben den seit 2003 neu gestalteten Ausstellungsbereichen zur Alt- und Mittelsteinzeit auch Teile der zentralen archäologischen Dienste hier ihren Sitz, die auch längst umgezogen sind.
Seitdem die “Himmelsscheibe von Nebra” seit 2002 in das Bewusstsein der Öffentlichkeit mithilfe einer perfekt organisierten Pressearbeit Einzug gehalten hat, wurde auch für andere Zeitabschnitte der sachsen-anhaltischen Vorgeschichte der Fokus auf die teilweise einzigartigen Ergebnisse archäologischer Feldarbeit gerichtet. Und das zeigt sich auch in dem wiedereröffneten Museum.
Eigentlich jede der präsentierten Fundstellen ist so etwas wie ein Meilenstein der Vorgeschichte unseres Landes:
Bilzingsleben, der Fundstelle von 400000 Jahre alten Knochen, die dem Homo erectus bilzingslebensis, einem der Vorfahren des Menschen zugeordnet werden, ist ausführlich dargestellt. Auch wenn Bilzingsleben streng genommen in Thüringen liegt, sind die Ausgrabungen doch jahrzehntelang von Hallenser Landesmuseum durchgeführt worden.
Wichtige Fundplätze an den Seerandufern folgen den Dioramen und rekonstruierten Grabunssituationen in Bilzingsleben. Tierknochen erlauben einen Einblick in die Umwelt der Menschen im Zeitalter der Eiszeiten, die von Warmzeiten und ihren veränderten Lebensbedingungen immer wieder Anpassungen der Menschen erforderten.
Auch die Mittelsteinzeit, das Mesolithikum, welches nach der letzten Eiszeit und einer Wiederbewaldung um 11000 v. Chr. eine veränderte Jagd- und Lebensweise erforderte, ist mit spektakulären Funden vertreten: die so genannte Shamanin aus Dürrenberg ist als vollständige Bestattung zu sehen, die mit einem Säugling zusammen eine außergewöhliche Grablegung erfuhr.
Und nun neu gestaltet sind die folgenden Zeitabschnitte des Neolithikums und der Frühbronzezeit. Gerade mit der Jungsteinzeit kann das an fruchtbaren Lössböden so reich ausgestattete Sachsen-Anhalt einen wahren wissenschaftlichen Schatz von Funden zeigen. Mit dem Vordringen der “neuen” Lebensweise des sesshaften Ackerbauern und Viehzüchters wurde die Landschaft durch das Roden größerer Waldgebiete und das Errichten von Großhäusern von bis zu 40 m Länge in Holz-Lehm-Bauweise aktiv gestaltet, auch die mittelsteinzeitlichen Jäger- und Sammlergruppen passten sich allmählich an. Rund um Halle finden sich eine Vielzahl von Fundplätzen, die namengebend für wichtige Zeitabschnitte zwischen etwa 5500 und 2200 v. Chr. wurden: “Rössen”, “Gatersleben”, “Bernburg” oder “Salzmünde” sind für den Vorgeschichtsforscher wie das kleine Einmaleins für den Grundschüler: unvergesslich!
Für mich der optische Knaller: die Wand mit 3700 Steinbeilen, die wie ein gewaltiges Hagelschauer auf den Besucher herniederprasseln! Was für ein Eindruck! Was für eine Materialfülle! In dem großen Saal wusste ich am Eröffnungsabend gar nicht, wo ich zuerst schauen sollte: an der Wand aufgehängt fand sich auf 6 m x 10 m die Rinderbestattungen und die eines Mannes aus der Zeit um 5000 v. Chr. dem diese Tiere als kultische Beigabe einst auf den Weg ins Jenseits begleiten sollten, als 1:1 Blockbergung – die Originalknochen, -grabkammer und die Beigaben. Und Eindruck, der nicht nur mich fast in die Knie gezwungen hat!
Weiter geht der Rundgang aus dem großen Saal in die “Darkrooms”. Hier finden sich aus dem ohnehin reichen Material die darüber noch herausgehobenen Befunde und Funde. Aus der Dunkelheit heraus sind die Exponate effektvoll beleuchtet, vor schwarzem Hintergrund, so wie sie auch schon so oft vom Juri Liptak, dem Haus- und Hoffotografen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie für Publikationen als Bild gebannt wurden. Auch hier gibt es zwei große Blockbergungen als “Echtzeit”-Fundstücke wieder in einer großen beleuchteten Vitrine, hochkant an der Wand: die Vierfachbestattungen vom Ende der Jungsteinzeit, als sich Mitteleuropa wiederum in einer Umbruchphase befand. Einzelne Funde von Gold- und Kupfergegenständen läuteten die Metallzeiten ein.
Mit der frühen Bronzezeit, ihren Fürstengräbern wie Leubingen, den Depotfunden mit ihren vielen Bronzefunden sind anschließend präsentiert. Und schlussendlich steht dann als optischer Höhepunkt die “Himmelsscheibe von Nebra” unter dem Sternenhimmel. Hier endet derzeit noch der Rundgang durch die Zeiten im Landesmuseum.
Die Abschnitte der Mittel- und Spätbronzezeit, die der Eisenzeit, der Römischen Kaiserzeit, der Völkerwanderungszeit, des Früh-, Hoch- und Spätmittelalters und letztlich der Neuzeit werden in den nächsten Jahren und in den beiden anderen Etagen folgen.
So lange werden die Räume für Sonderausstellungen genutzt werden, so ab Oktober 2008 die Sonderausstellung “Fundsache Luther – Archäologen auf der Spur des Reformators – Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2008”.

Das Landesmuseum ist zurück.. und wie!

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1 Response to “Landesmuseum für Vorgeschichte, Halle”


  1. 1 karu02
    13. Juni 2016 um 12:35

    Danke für diese virtuelle Museumsführung.

    Gefällt mir


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