18
Okt
08

Geschwister Hoffmann auf dem Weg zur Weltherrschaft?

Vor nicht allzulanger Zeit war ich im Urlaub im Südfranzösischen unterwegs, auf den kleinen, kurvigen Straßen der nördlichen Provence.

Nachdem wir einen wunderbaren Vormittag auf dem großen skurrilen Markt von Forcalquier verbracht hatten, uns ausgestaunt hatten über die esotherischen Käsehersteller, die zumeist aus dem Schwäbischen kamen, wollten wir noch nach Banon, wo es wunderbaren, mörderlich stinkenden Käse gibt und den dort verkosten. Der wird, nur zur Information, seit Generationen von nichtesotherischen Franzosen hergestellt und im Kastanienblatt verpackt, an die verzückte Kundschaft verkauft.

Nun gut, kurz nach den City limits von Forcalquier wurden die Landstraßen wieder kurvig, eng und hatten wieder diese fiesen, tiefen Straßengräben, die in den anstehenden Fels gefräst sind. Direkt vor uns fuhr so eine Art großer Campingbus mit deutschem Kennzeichen um eine scharfe Rechtskurve. Dummerweise verlor der Fahrer die Kontrolle über das Mobil und rutschte laut kreischend und ein paar Funken sprühend in einen von diesen eben geschilderten Straßengräben. Nun hing das Immobil vorne schön verkeilt im Graben, das hintere linke Rad dafür anklagend in der Luft.

Vorsichtig fuhren wir an dem Unglücksvehikel vorbei und hielten in ausreichendem Abstand davor. Meiner guten Erziehung folgend, ging ich auf den Bus zu, aus dem ziemlich verdattert und sehr unglücklich zwei sehr junge Menschen ausstiegen, zum Glück beide unverletzt. Inzwischen hatten auf der Gegenfahrbahn auch zwei Autos gehalten, dessen einer Insasse, ein Niederländer anbot, dass er einen „depanneur“, einen Abschleppdienst von seinem Campingplatz aus anrufen würde. Gut!

Nachdem das Warndreieck aufgebaut war, beruhigten sich die beiden Youngsters etwas. Ich hatte beschlossen, dass wir bei ihnen bleiben wollten, bis der Abschleppdienst kam, denn die beiden sprachen so gut wie kein Französisch, blöd!

Nun wollte ich wissen, ob sie schon mit ihrer Versicherung in Deutschland gesprochen hatten.

Nein, sie hatten kein funktionierendes Handy dabei.

Wie bitte?? Heutzutage… nuja, egal, dann nehmen wir meines. Wo ist denn die Versicherungskarte.

Hatten sie auch nicht dabei.

Welche Versicherung habt ihr denn? – Wenigstens ein Lichtblick: dieselbe wie die meinige! Da habe ich wenigstens die Telefonnummer der Hilfe-ich-hatte-einen-Unfall-Stelle in meinem Handy einprogrammiert. Inzwischen hielt noch eine ältere Dame und fragte, ob sie helfen könne. Da wir inzwischen mehr als eine Stunde dort standen und weit und breit kein Depanneur erschienen war (wie sich später herausstellte, war der Niederländer Gast auf dem „Camping naturiste“, der für dich Nackedeis und denen kann man ja nicht trauen, oder?), beschloss ich einfach mal, ihr Hilfeangebot anzunehmen und mit ihr nach Forcalquier zurück zu fahren. Praktischerweise arbeitete sich noch beim Straßenwesen/-wacht, wie sie erzählte.

Nichtsahnend stieg ich in ihr Auto, wir plauderten darüber, wo ich denn her wäre. Ich: aus Deutschland, aus Berlin. Sie strahlte gleich und meinte, dass sie die deutsche Musik sehr mögen würde. Ich dachte natürlich an Beethoven, Schubert oder Brahms, aber nein, sie meinte, dass sie deutschen Schlager sehr mögen würde (kleiner Einschub: der französische ist genauso abgrundtief). Während sie die kurvige Straße herunterbrauste, stöberte sie in ihrem Handschuhfach, mir wurde leicht übel. Schließlich zog sie triumphierend einen Stapel CDs heraus, die ihr umgehend aus der Hand rutschten und zu meinen Füßen niederfielen.

Ich beugte mich vor und sammelte sie wieder ein. Fast hätte ich laut losgelacht, denn abgesehen von einer Heino-CD waren die restlichen vier allesamt von den Geschwistern Hofmann! Der Beitrag zum Konzert, was Herr Jebsen im wahrsten Sinne des Wortes durchlitten und für die Leser seines Blogs in warnenden Worten niedergeschrieben hatte, stand mir deutlich vor Augen.

Die französische Dame erzählte aber mit soviel Inbrunst und Freude, dass sie immer mitsingen würde, dass ich meinen vorlauten Mund hielt. Schließlich fragte sie mich, ob ich die kennen würde. Ich antwortete mit einem leicht kläglichen: „Nicht direkt, ich hörte aber von ihnen.“ Sie lachte und meinte, dass ich definitiv zu jung sei, das wäre doch etwas für ältere Leute.

Puuh! Danke! Ich hoffe, dass ich nie so alt werde, dass ich die Damen hören muss! Was mir aber Angst macht ist, dass sie sich auch in Frankreich in die Ohren der Leute, die sie nicht verstehen, hineinmogeln. Auf der Website fand ich sogar einen elsässischen Fanclub!

Achja, viel, viel später hatten wir auch mit der Versicherung und dem französischen Pendant zum ADAC gesprochen und das Unfallauto wurde irgendwann aus dem Graben gezogen.

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3 Responses to “Geschwister Hoffmann auf dem Weg zur Weltherrschaft?”


  1. 1 gargano
    18. Oktober 2008 um 21:56

    Dichtung und Wahrheit – der Bilderbuchfranzose mit Baskenmütze, Gitanes im Mundwinkel und duch und duch links gestrickt… das war einmal (wenn überhaupt.) Der Durchschnittsfranzose ist ebenso spießig und piefig und leider auch so fremdenfeindlich und politisch wenig orientiert wie der Durschnittsdeutsche, die Hofmann-Mädels hin oder her.

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  2. 2 berndb
    18. Oktober 2008 um 22:22

    Da kannst Du mal sehen, wohin es führt sich von Irrsinnigen beschallen zu lassen. Bei der Musik kommt jede(r) vom rechten Weg ab. :-)

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  3. 3 richensa
    19. Oktober 2008 um 10:50

    gargano, den geschilderten Bilderbuchfranzosen habe ich noch nie in Frankreich getroffen.
    Meine „famille de coeur“, die ich seit 25 Jahren dort kenne, ist gutbürgerlich, nur vor den Präsidentschaftswahlen zur politischen Diskussion bereit, der ich aber nicht immer folgen kann, weil ich die Tagespolitik so wenig mitbekomme, wie die unsere. Vor vielen Jahren las ich mal ein französisches Buch, welches die Deutschen erklären sollte „Les allemands si tranquilles“, sehr gut recherchiert, sowas habe ich umgekehrt für „die Franzosen“ in Deutschland noch nicht gesehen…

    Immerhin, um zu den Hofmann-Sisters zurück zu kommen, es hätte mich an jenem Tag viel mehr gewundert, wenn die Dame im Auto Bushido gehört hätte. Und noch was: ich fand es toll, dass sie geholfen hat!

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