03
Okt
08

Merke: Wikinger tragen keine Hörnerhelme

Der Wikinger an sich wird ja immer noch oft mit Hörnerhelm und blutrünstigem Blick, auf der Suche nach Beute und Vergewaltigungsopfern gesehen. Dass die Bewohner Skandinaviens am Ausgang der Völkerwanderungszeit eher Bauern und Viehzüchter, Handwerker und Händler waren, kommt zumeist nur in Wissenschaftssendungen Sonntagabends um halb acht zur Sprache.Mit dem Beginn einer Periode der Erwärmung, als die Ernten reichhaltiger ausfielen und weniger Kinder am Ende des Winters an Hunger und Mangelernährung starben, kam es zu einem Bevölkerungszuwachs, der dann doch nicht von der Ernte auf den zur Verfügung stehenden Ackerflächen und Viehbeständen satt wurde. Also gingen die Mutigeren wieder auf die Suche nach Land zum Siedeln, bald aber auch, weil es schon recht praktisch war, zu Beutezügen nach England, ins Rheinland oder auch nach Frankreich. Im Winter kam man zurück zu Frau, Kindern und den Eltern, packte die Beute vor den staunenden Augen der lieben Daheimgebliebenen aus und erzählte am Lagerfeuer von vollbrachten und ausgedachten Heldentaten.
Der Großteil der Bevölkerung blieb aber bei der bekannten Lebensweise und erstand sich die Dinge, von denen die Haudegen erzählten, ganz einfach mit dem Geld, welches die Jungs aus den aufgebrochenen Opferstöcken der beraubten Kirchen und Klöster mitbrachten auf den Märkten und Handelsplätzen. Und einen derartigen Handelsplatz ließ der Dänenkönig Göttrik zu Beginn des 9. Jahrhunderts bei Haithabu anlegen. Hier wurde vorhandenes planmäßig und in Reihe ausgebaut. Dicht an dicht standen die Häuser der Handwerker und Händler, die der clevere König aus dem zuvor zerstörten Marktort Reric in der Wismarer Bucht ansiedelte.
In ihrer Blütezeit bewohnten bis 1000 Dänen, Friesen, Schweden, Norweger, Sachsen, Franken und Slawen in einer bunten Mischung zusammen den Platz und gingen ihren Gewerben nach.
Von einem mächtigen Halbkreiswall waren die dicht gedrängten Häuser der Händler und Handwerker geschützt. Selbst das immer größer werdende Gräberfeld lag innerhalb der Umwallung. Mehrere Bootsanlegestellen in der Schlei boten Platz für viele Handelsschiffe, die mit ihren breiten, aber flachen Gefährten auch bis weit in das Binnenland, die Flüsse hoch zu den Märkten in Köln, Mainz oder auch Paris fahren konnten und dort für gutes Silber einkauften und für noch mehr davon wieder in Haithabu verkauften. Der Platz an der Schlei war einer der Hauptumschlagplätze für den Handel über die Nordsee in die Ostsee und umgekehrt.
Mit den Überfällen auf die Siedlung in den Jahren 1050 und 1066 begann der entgültige Niedergang Haithabus. Die Siedlung verfiel, bis auf den Wall, spurlos und fiel dem Vergessen anheim. Erst um 1900 wurde sie durch archäologische Forschungen von Johanna Mestorf und Sophus Müller wieder entdeckt. Innerhalb und außerhalb des Halbkreiswalles wurde gegraben, Grabhügel untersucht, in der Schlei Schiffe geborgen, bis 1980 die denkmalpflegerisch vernünftige und sinnvolle Entscheidung zum vorläufigen Einstellen der Grabungen und zum Beginn der Auswertungen der Ergebnisse einen Wendepunkt brachte. Bei so viel Fundmaterial, bei so vielen Grabungszeichnungen und Vermessungsskizzen wurde dann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein beispielloses Programm begonnen, in welchem ein internationales Forscherteam über viele Jahre wissenschaftlich auswertete und publizierte. Mit der Eröffnung des Wikingermuseums 1985 wurden die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Museum mit seiner damals im deutschen Sprachraum einzigartigen Konzeption „weg vom reinen Pötte-Museum“ war in vielerlei Hinsicht bahnbrechend.

Nach 20 Jahren meldete sich Haithabu wieder mit einem Paukenschlag zurück, der sich zu einem neuen Publikumsmagnet entwickelt. Innerhalb der alten Grabungsflächen, die keinerlei archäologische Substanz mehr enthalten, wurde nach den Originalbefunden ein Freilichtmuseum errichtet. Verwendet wurden die Handwerkstechniken der Wikingerzeit, um die Häuser der Handwerker, Fischer und Händler zu errichten.

Vom Museum gelangt man nach einem etwa zwanzigminütigem Spaziergang zu dem Museumsdorf. Geduckt unter ihren Reetdächern sieht man die Gruppe bereits nach wenigen Metern, wenn man aus dem Eichenwald Richtung Halbkreiswall geht. Jedes Haus zeigt ein anderes Hand- oder Gewerk, es gibt das Haus des Tuchmachers, des Händlers, die Fischerhütte, eine Versammlungshalle oder auch eine Herberge, in der die Reisenden Obdach fanden. Ein breiter Steg zeigt die Anlegestellen des 10. Jahrhunderts und bietet die Möglichkeit, stundenlang auf’s Wasser zu starren. Als ich vorgestern mit meiner Kollegin durch die Häuser lief, konnten wir beide immer wieder nur anerkennend nicken und wurden, wie die anderen Besucher auch, nicht müde, zu schauen.
Und der Regenschauer mit anschließendem herbstlichem Regenbogen, durch den leise schnatternd Graugänse flogen, war ein wunderbarer Anblick, außerhalb von Raum und Zeit, den ich so schnell nicht vergessen werde.

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