14
Sep
08

Place de la Liberté – Marktplatz von Sarlat im Perigord

Die Reiseführer überschlagen sich ja förmlich, wenn sie Sarlat beschreiben: „Fahrt ins Mittelalter“, „Zeitreise“, „Filmkulisse“ und dann noch sowas wie „zauberhaft“ oder „märchenhaft“ und so fort. Wer nun hier etwas über die Geschichte der Stadt erfahren will, sei nur kurz mit den Eckdaten der Gründung einer Benediktinerabtei im 8. Jh. und der Unabhängigkeit der Stadt durch den Treueeid gegenüber dem französischen König, Zerstörungen im hundertjährigen Krieg und Niedergang in der frühen Neuzeit, welcher erst durch die weitreichenden Restaurierungen seit 1962 aufgehalten wurde, gefüttert.
Das wirklich Spannende ist der Aufzug der Stadt als Theaterstück, welches sich alltäglich wiederholt. Und dieses erlebt man, wenn man eben nicht mal kurz für drei Stunden hier ist, ein Menü für 13 Euro in einem der Touristenlokale zu sich nimmt und dann wieder weiter fährt.
Für das ganze Stück begibt man sich morgens in die Stadt, am besten so gegen neun Uhr, dann erlebt man, dass diese Stadt um diese Zeit noch ihren Einwohnern gehört. Da gehen Leute zum Bäcker, haben eine Zeitung unter dem Arm, in einer Straße fährt die Straßenreinigung, da lädt ein Kleinlaster Baumaterial ab. Die Frau vor dem Schmuckgeschäft gähnt herzhaft, hält sich dann schnell die Hand vor den Mund und lacht einen an. Man läuft langsam auf den ehemaligen Marktplatz vor. Noch sind die überdimensionalen Metalltüren der ehemaligen Pfarrkirche Notre-Dame geschlossen, die heute als Markthalle dient. Die Stühle der Straßencafés stehen hochgestapelt und zusammengekettet irgendwo in der Ecke.
Der Platz liegt einfach so in der Sonne, vor dem Rathaus stehen ein paar Autos, ein Polizeiauto, zwei von der Stadtverwaltung. Ruhe…
Dann öffnen sich die Tore der Markthalle, vier Männer braucht es, um sie zu bewegen. Die Kellner der Cafés beginnen, die Stühle zu wecken und sie in Reih‘ und Glied mit den Tischen zu gruppieren. Der Straßenfeger schippt die zusammengekehrten Zigarettenstummel auf die Ladefläche des Dreirads und wie von Zauberhand verschwinden die anderen Zeugnisse des städtischen Lebens, die Autos vom Platz, die Tauben auf die Dächer, die Sarlater hinter die Kassentische der Läden. Irgenwo hebt der Dirigent den Taktstock und um Schlag zehn der Rathausuhr ist Sarlat gerüstet für einen neuen Tag im touristischen Disneyland.
Den ganzen Tag über wuselt und quirlen die Besucher durch die Stadt, schauen in jede Gasse, wobei ich mich da gar nicht ausnehmen will, auf der Suche nach dem besten Fotomotiv. Es wird eingekauft, geschaut, wo es günstiger ist. Dosen voller Gänseinnereien wandern vor allem in englische und niederländische Taschen und Tüten, „merci – bonne journée – au revoir“, so geht es den Tag über.
Gegen Abend werden sämtliche Restaurants gestürmt, die vollen Teller werden von flinken Kellnern zwischen eng gestellten Tischen hin- und leer wieder zurück getragen. „L’attition, s’il-vous plaît“, es ist ja auch schon spät. Man flaniert noch einmal durch das prachtvoll illuminierte Städtchen, so kurz vor halb zehn abends und macht sich auf ins Quartier.
Und dann schlägt die Turmuhr wieder zehn. Wieder dieser unsichtbare Taktstock, der sich hebt!
Die Touristen verlassen den Platz. Flink werden die Stühle gestapelt, die Tische zusammengestellt, der Straßenfeger kommt erst am nächsten Morgen. Die Stadt gehört nach wenigen Minuten wieder sich selbst. Ein paar Katzen miauen. Der Vorhang ist für heute gefallen.
Gute Nacht, Sarlat…. bis morgen….

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