31
Aug
08

Der unbedingte Wille zur Dekoration

Die letzte Woche habe ich im Ostbrandenburgischen verbracht, am Rande des Oderbruchs. Tagsüber an der frischen Luft ohne besonderes Ambiente, abends und nachts in einer Ferienwohnung, die im Souterrain des Eigenheims lag. Laut website sollte sie im Erdgeschoss liegen, aber nun gut, wenn man Erdgeschoss mit „das Geschoss, welches in der Erde liegt“ übersetzt, stimmte es streng genommen. Meine Vermieterin mit lieblichem Lockenlook und dazu passend, mit Löckchenhund, begrüßte mich freundlich, der Hausherr zog sich gleich zurück. Wir zwei Damen verschwanden in der Unterwelt, der Wohnung. Und auch hier begegnete ich dem, was schon die paar Schritte durch den Vorgarten schon vermuten ließen: der unbedingte Wille zur Dekoration! Oder, um es ausländisch zu formulieren: All over ornamented oder auch „Horror vacui“, die Angst vor der leeren Fläche! Es ist ja nicht das erste Mal, das mir dies begegnet, mir scheint, dass besonders Damen mittleren oder fortgeschrittenen Alters dieser Leidenschaft für Dekoration anheim fallen. Überall saßen Puppen und schauten mich aus leeren Augen an, nein, Chucky, die Mörderpuppe war zwar nicht dabei, so hoffe ich wenigstens, aber auch die anderen waren nach einer Weile irgendwie gruselig. Im Schlafzimmer saßen auch welche, die musste ich aber vor dem Schlafengehen umdrehen. Da stand auch ein Korkenzieher in Manneken-Pis-Manier, und da war noch das Strohgebinde an der Wand, der Porzellanelefant in der DDR-Wohnwand, der Spiegel am Kopfende des Bettes, dieses komische Kristallblumenbäumchen am Souterrainfensterchen, welches nach oben vergittert ist. Auch im Wohnzimmer war überall etwas Nippes aufgestellt, selbst im Bad schaute mir eine Porzellangans beim Klogang zu. Achja, der üppige Plastikblumenschmuck wurde durch das Dazustellen einer Gießkanne geadelt.

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Woher kommt dieser Wille zur Überdekoration? Ist es die Schuld der Baumärkte oder Billiganbieter? Werfen die Damen nie etwas weg? Ist frau der Meinung, dass das, was im privaten Wohnbereich der Pensionswirtinnen nicht mehr gewünscht wird, immer noch in der Ferienwohnung eine Weile existieren kann? Vielleicht meinen es die Wirtinnen das auch nur gut mit mir! Aber das wäre das Schlimmste überhaupt! Wie kommt jemand auf die Idee, zu glauben, dass ICH das schön finde??

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4 Responses to “Der unbedingte Wille zur Dekoration”


  1. 31. August 2008 um 23:59

    Warte noch vierzig, fünfzig Jahre. Dann wirst Du all den Krempel im Museum wiederfinden… Rubrik „Bürgerliches Wohnen“, vielleicht.

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  2. 2 joulupukki
    1. September 2008 um 12:33

    Argh – übles Deja vú! War vor ein paar Monaten in Steyr auch in so einer Bude untergebracht. Vielleicht sollte man ja mal eine Studie zum Thema „Gewalt in der Familie in Relation zur Nippessucht im trauten Heim“ einreichen…

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  3. 3 berndb
    2. September 2008 um 09:31

    Da siehts Du einmal, was ich knapp 18 Jahre ertragen mußte… ;-)

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  4. 4 joulupukki
    2. September 2008 um 13:23

    Arms! Bleibt die Frage, warst Du der mit der Nippessucht oder der …

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