18
Mai
08

Landpartie

Am letzten Wochenende war ich in der Uckermark unterwegs, einfach nur so, einfach zum Gucken, gewürzt mit einem klitzekleinen Bröckchen schlechtem Gewissens, weil man ja nicht zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, sondern mit dem eigenen Auto. Ja, auch ich bin ein Gutmensch, nur mal so nebenbei bemerkt.
Angermünde war das erste Ziel, eine Kleinstadt wie aus einem Bilderbuch, so von weitem betrachtet. Stadtmauerreste, in den 1990er Jahren wieder zur Gänze aufgemauert, aber nicht so richtig, denn es durfte ja auch nicht so unglaublich teuer werden, vermutlich mit einigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, denn die gab es damals ja noch ordentlich. Und nach und nach wurde das Städtchen hübsch gemacht, das Rathaus, hier ein Haus, da ein Haus ausgebaut und mit frischer Farbe auf niedlich getrimmt. Nicht zu vergessen der Blumenschmuck und ein paar Bäumchen.
Zum Mündesee herunter wurde ein Kunstprojekt ins Leben gerufen, wo offensichtlich jedes Jahr ein Künstler eine Skulptur mit den ortsüblichen Materialien gestalten darf. Und „ortsüblich“ heißt, dass hier die Geschiebe und Gerölle, die die Endmoränen der letzten Eiszeit freundlicherweise aus Skandinavien mitgebracht haben, verarbeitet werden. Dummerweise sind die meistens aus Granit, was für den Künstler bedeutet, dass er oder sie da ganz schön schuften muss.
Die Hauptkirche der Stadt, St. Marien, hat zwar mit 53 m den angeblich höchsten Feldsteinturm Brandenburgs, liegt wehrhaft und trutzig mittendrin im Städtchen, aber war dennoch geschlossen, sogar am Sonntagvormittag, schade eigentlich.
Geschlossen war auch der zweite mächtige Kirchenbau der Stadt, die ehemalige Klosterkirche St. Peter und Paul des Franziskanerkonvents. Turmlos, wie es sich für eine ordentliche Kirche des ursprünglichen Bettelordens gehörte. Von den ehemaligen Klostergebäuden ist nichts mehr da, aber dennoch sehr beeindruckend.
Ja, und dann läuft man noch durch das Städtchen im schönsten Sonnenschein und schaut ein zweites Mal hin, wo man nun die Sehenswürdigkeiten auf den ersten Blick abgehakt hat.
Und dann werde ich immer etwas traurig, wenn ich diese unbelebten Städte sehe, mit ihrem mittelalterlichen Grundriss, mit den alten Häusern, wo nur die baulichen Sündenfälle der Nachwendezeit ihre Wunden gerissen haben. Denn die eigentlichen Wunden scheinen mir die zu sein, die man nicht sieht. Es fehlen die Menschen. Bei meinem Rundgang war nur ein Restaurant belebt, der Rest der Stadt war so ruhig, so unglaublich ruhig.
Es fehlen Arbeits- und Ausbildungsplätze, viele aus meiner Generation scheinen schon gegangen zu sein. Ich frage mich immer nur, wohin sie verschwunden sind.
Aber mir fällt auch nichts ein, was man für diese kleinen Städtchen tun könnte. Und so fahre ich dann wieder in die Großstadt, denn auch ich möchte gar nicht in Angermünde oder in Luckenwalde oder Jüterbog, aber auch nicht in Höxter oder Minden oder Nördlingen.

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