Archiv der Kategorie 'wo die Weser einen großen Bogen macht'

22
Apr
12

Fundstück des Tages

Das Museum der Dinge bereitet dem Besucher zwar eine Menge optischer Fragezeichen, die sich jedoch meist durch die Beschriftung gut erklären lassen. Anders ist es bei archäologischen Ausgrabungen, bei dem sich der Ausgräber viele Gedanken um so manches Fundstück machen muss, mit anderen Kollegen diskutiert oder irgendwann dem Fundstück die Bezeichnung “unbekannte Funktion” geben muss.
Tja, so kann es auch geschehen, wenn der Inhalt unvertrauter Schränke (aka der meiner Tante) einer genaueren Betrachtung unterzogen wird.

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Abgebildet habe ich das Stück von oben und unten. Wer mag mitraten?
Eine Auflösung gibt es auch, versprochen!

08
Apr
12

Spaziergang

Nach dem guten Osterfrühstück war genau der richtige Zeitpunkt für einen ausgedehnten Spaziergang. Also wurden die Schuhe geschnürt und Schal, Mütze und Handschuhe eingepackt, denn da in den Hügeln des Weserberglandes wehte ein kalter Wind und ab und zu jagten auch ein paar Schneeflocken um die Ecken.
Es war kalt genug, dass selbst die Buschwindröschen das Blühen verweigerten.

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27
Mar
12

Weißes Gold an der Weser

Seit 1747 wird in Fürstenberg Porzellan hergestellt und damit gehört die Manufaktur zu den ältesten in Deutschland. Das Jagdschloss der Braunschweiger Herzöge wurde Produktionsstätte, der Herzog wurde im merkantilistischen System des 18. Jahrhunderts auch Unternehmer. So bekannt wie die Meißner Produktion oder die der Königlich Preußischen Manufaktur in Berlin wurde Fürstenberg nicht, aber wer auf sich hält im Weserbergland hat Fürstenberg als Sonntagsgeschirr im Schrank. Und meine Großmutter hatte auch das eine oder andere Stück, besonders große Vasen hatten es ihr angetan. Ein Kaffeekännchen ohne Deckel und eine Milchkanne mit blauem Dekor aus der Zeit um 1900 ist aus dem Haushalt meiner Urgroßmutter mit mir durch’s Leben gezogen. Aber irgendwie fand ich die Modelle einfach zu traditionell, eben etwas für Leute im vorgerückten Lebensalter, wie ich immer etwas bedaunernd feststellen musste.

Nun ist aber doch etwas frischer Wind in’s Jagdschloss gezogen, welches heute Museum und Platz für Sonderausstellungen ist: einerseits auch durch wirtschaftlichen Druck, der die Manufaktur schon mit dem Rücken an der Wand stehen ließ kam offensichtlich doch die Erkenntnis, dass es neuer Ideen und Formen bräuchte, um die Marke Fürstenberg vom 18. Jahrhundert über die Wirtschaftswunderjahre bis ins 21. Jahrhundert zu bringen. Der Erfolg scheint ihnen recht zu geben: für das neue Corporate Design gab’s Preise, aber endlich auch für die neue Porzellanlinie für den Gourmetbereich.

Zeit, dem Werksverkauf mal wieder einen Besuch abzustatten! Er ist umgezogen, der Shop ist großzügig und hell, dazu gibt es neben den Fürstenberger Porzellanserien auch noch eine Menge Dekoartikel im gehobenen Segment. Das Fürstenberger Porzellan hier etwa 20% günstiger als im Fachhandel, womit sich ein Einkauf hier durchaus lohnt. Das Personal ist überwiegend gut geschult, unser Einkaufsberater stand mit großer Begeisterung hinter “seiner” Marke und führte mit großem Enthusiasmus das neue Porzellan vor. Unglücklicherweise für ihn haben wir nicht gleich Gedecke für 6 Personen eingekauft, es ist bei einem Paar Espressotassen im Empirestil geblieben, weiß, klassisch und fast wie um 1805. Somit habe ich endlich etwas selbstgekauftes Fürstenberg im Schrank!

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24
Mar
12

In den Stein gemeißelt

Als Kind ging ich ganz selbstgverständlich mit den Eltern auf den großen Friedhof in Höxter, denn das Grab der Großeltern musste ja auch in Ordnung gehalten werden. So wurde es im Winter mit Tannengrün abgedeckt, im Frühjahr Stiefmütterchen und Primeln gesetzt, im Sommer Tagetes und ähnliches. Und natürlich mussten die Pflanzen im Sommer auch ordentlich gegossen werden. Hinter vielen Grabsteinen lagen Gießkannen oder leere Weichspülerflaschen, in denen das Gießwasser von den wenigen Wasserstellen über die Wege geschleppt wurde. Gerne schwappte es über die Hose oder in die Gummistiefelchen. Ekelig! Nichts war aber langweiliger als das Wasserschleppen: sobald ich entdeckte, dass auf den Grabsteinen interessante Namen und Daten standen, las ich, was das Zeug hielt, rechnete aus, wie alt die Leute geworden waren, wunderte mich über die Gräber, die mit großen Marmorplatten so wunderbar pflegeleicht abgedeckt waren. Und dann entdeckte ich meinen Lieblingsgrabstein:

Kurt Auge und Ida Brill lagen einträchtig in einem Grab! Ich war sprachlos vor Staunen und musste immer kichern, wenn ich mit den Gießkannen an der Grabstelle direkt hinter einer Wegekreuzung vorbei kam. Kurt Auge und Ida Brill! Ich begann mir Herrn Auge und Frau Brill vorzustellen, aber Herr Auge trug Brille und sie nicht, sondern nur ein langweiliges Omakleid und hatte graue Haare, denn sie war schon 1873 geboren. Aber wieso lagen da zwei in einem Grab, die gar nicht denselben Nachnamen hatten. Das war eine gedankliche Nuss, an der ich zu knacken hatte. Meine Eltern fragte ich nicht, denn die hätten meine Heiterkeit ob der Grabgemeinschaft sicher nicht lustig gefunden, soviel stand fest. Ich könnte schwören, dass ich nur deswegen mit auf den Friedhof gegangen bin, um zu sehen, ob die Namen noch auf dem Grabstein stehen, denn sonst konnte ich schon als Kind Friedhöfen als persönlichen Ort der Trauer nichts abgewinnen. Nur Allerheiligen, wenn die Kerzen auf den Gräbern brannten und wir abends mit den Eltern unter den wechselnden Themen wie “wer hat die schönste Grableuchte?” und “Alarm, unsere große Grableuchte wurde gestohlen!” über den Friedhof gingen, fand ich das Konzept in Ordnung, das schon als Fünfjährige. Die gestohlenen Grableuchten waren wochenlang ein Thema, das nur am Rande.

Und ein Jahr, als ich etwa 11 oder 12 Jahre alt war, habe ich bei Herrn Auge und Frau Brill dann mal vom Nachbargrab so eine kleine Kerze in rotem Plastikbecher gemopst und aufgestellt.

Jahre-, ach was jahrzehntelang war ich nicht mehr auf dem Friedhof, Herr Auge und Frau Brill waren nur noch eine schwache Erinnerung. Im letzten November wurde eine meiner Tanten in dem zweiten Familiengrab beerdigt, in dem auch meine Großtante und die Urgroßeltern liegen. Nun bin ich mit dre anderen Tante am letzten Wochenende auf dem Friedhof gewesen. Auf dem Rückweg zum Auto musste ich an Kurt und Ida denken, ob der Grabstein noch stehen würde?

Ja, er stand noch, aber wie groß war mein Erstaunen, dass sich zu Herrn Auge und Frau Brill noch eine weitere Dame gesellt hatte: Frau Auge! Der Name war in die Lücke zwischen Herrn Auge und Frau Brill gesetzt worden. Irgendwie hat es mir vorher besser gefallen, nun stört Frau Auge mein Auge…

Meine Tante konnte mir berichten, dass Herr Auge Arzt beim Gesundheitsamt gewesen war und es war offensichtlich, dass Frau Auge seine Gattin, ihn fast 30 Jahre überlebt hatte. Nur wer Frau Brill war, konnte sie mir auch nicht sagen. Da standen wir und kicherten über den Grabstein! Das macht man aber nicht, das war ganz und gar unfein!

11
Jan
12

Weser bei Höxter

Meine Tante misst die aktuellen Wasserstände an ihrer kleinen Wetterstation im Garten. Und da sie als ehemalige Mathematik- und Physiklehrerin auch einen Hang zur Statistik hat, trägt sie die täglichen Regenmengen in ihren Kalender ein, direkt neben die Menge Wasser, die ihr Dackel jeden Tag trinkt.

Als ich sie am letzten Wochenende besuchte, konnte ich also mit den aktuellen Daten zur Regenmenge um das Gartenhaus “upgedatet” werden: seit Neujahr hat es immerhin etwa 83 l auf den Quadratmeter geregnet, so dass der Garten, dank des lehmigen Untergrundes, eigentlich nur mit Gummistiefeln und Schwimmflügeln zu betreten ist.

Der eingeborene Höxteraner hat zudem immer ein Auge auf die Wasserstände, seien es die im Garten, die der umgebenden Fließgewässer, von Schelpe, Grube oder Weser. Gerne stellt er sich auf die Weserbrücke, stützt sich bedeutungsschwer auf das Geländer und starrt auf den Fluss. Im Kopf hat der Höxteraner, je nach Alter seinen persönlichen Weser-Soundtrack. Da das Weserlied mit dem großen Bogen gleichzeitig das Fankurvenlied von Werder Bremen, habe ich auf die Einbindung eines passenden Videos verzichtet und nehme die, mit persönlich näher stehende Variante aus dem 19. Jahrhundert:

Mein Hang zum Blick auf die Weser muss im zarten Alter von 2 Jahren einen ersten Höhepunkt erlebt haben, als meine Eltern beim Sonntagsspaziergang mit mir auf der Weserbrücke von Bekannten in ein Gespräch verwickelt waren und mir, langweilig-langweilig-laaaaangeweilig, nicht Besseres einfiel, als den Kopf zwischen zwei Streben durchzustecken. So konnte ich wohl besser den Fluß im Auge behalten. Nur als meine Eltern mit mir weiterflanieren wollten, ging der Rückzug nicht so einfach. Ich steckte fest, ich schrie. Meinen Eltern war es ziemlich peinlich, aber auch mit vereintem Zureden und Ohrenanlegen ging es irgendwie nicht mehr zurück. Ich schrie weiter. Kurz und gut, ich wurde eine Weile später von der Feuerwehr freigeschweißt. Erst als vor einigen Jahren das Geländer erneuert wurde, verschwand die Schweißnaht und somit die Stelle meiner jugendlichen Schmach.
Zurück in die Gegenwart: Die Weser ist einmal wieder über die Ufer getreten, was aber das mittelalterliche Rathaus mit seinen Renaissanceumbauten wenig kümmert, es steht gute 6,5 m über dem Pegel auf einem soliden Schwemmkegel aus eiszeitlichen Schottern. So richtig schlimm ist es auch noch nicht, erst wenn die Brücken bei Lüchtringen und Höxter gesperrt werden und auf fast 30 Flusskilometern nur noch zwei Brücken passierbar sind, ergeht sich der Höxteraner in freudigem Katastrophenschauer.

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11
Jan
12

Höxter, Berliner Platz

Jede westdeutsche Kleinstadt, die etwas auf sich hält/hielt, hat einen “Berliner Platz”. Und irgendwie haben alle Plätze mit jenem Namen eine gewisse ratlose Ödnis gemeinsam, die an die Umgebung des Brandenburger Tores nach 1945 und vor 1990 erinnert.

An dem Platz treffen sich die Brenkhäuser-, die Albaxer- und die Nicolaistraße, die somit die drei Möglichkeiten darstellen, den Platz zu verlassen: entweder Richtung Detmold, in einen Wendehammer, der aber früher die Straße in Richtung Hameln durchließ oder durch die mittelalterliche Stadtmauer Richtung Innenstadt von Höxter.

Höxter hat auch einen!

... durch das Stadtmauertor in die Innenstadt

In der Mitte befindet sich, solange ich denken kann, ein schwimmbadblau ausgemalter Springbrunnen mit Waschbetonrand, der früher gerne mit etwas Waschmittel zum Überschäumen gebracht wurde und die phantasielos gepflanzen Stiefmütterchen-Rabatten an seinem Rand mit Schaum überzog. Auf der umliegenden Rasenfläche wurden natürlich gerne auch die Hunde der Nachbarschaft ausgeführt. Jetzt im Winter liegt das Wasserbecken leer und himmelblau da und starrt in den grauen Himmel. Die Fußpflege, die Zahnarztpraxis, eine Schwangeren-Konfliktberatung und der Kinderschutzbund verleihen dem Platz auch kein freundlicheres Flair.

Der Platz mit Springbrunnenbecken

Himmelblau und leer

Nur wenn am ersten Mittwoch im Monat der “Schweinemarkt” stattfindet, herrscht mehr Leben westlich des Platzes.

Hier lang gehts zum Schweinemarkt! Jeden ersten Mittwoch im Monat, etwa seit der Eiszeit...

Bei einer Veranstaltungsplattform  heißt es dazu: “Wichtiger Platz für alle die von auswärts kommen und in Höxter einkaufen wollen. Hier gibt es jede Menge Parkplätze.” Ja, das ist doch schon einmal etwas! Bis in die 1990er Jahre stand auf dem heutigen Parkplatz eine große Kaserne aus dem 19. Jahrhundert als Höxter als preußische Garnisionsstadt eine gewissen Bedeutung hatte, möglicherweise wurde der Platz zum Exerzieren genutzt. Zumindest beim lokalen Schützenfest spielt er noch diese Rolle.

In den letzten Jahrzehnten vor ihrem Abriss waren die Kasernengebäude als Unterkünfte für das kleinstädtische Präkariat in Nutzung. Weitgehend unsaniert und nie gestrichen, standen die dunkelgrauen Ungetüme am Berliner Platz. Meine Grundschule lag nur wenige Schritte entfernt, uns Grundschülern war es aber unter Androhung von Sanktionen verboten, den Schulhof zu verlassen und sich dort aufzuhalten. Aus gutem Grund, wie ich später selber sehen konnte: wie es in den Behausungen aussah, durfte ich in der Weihnachtszeit Anfang der 1980er einmal erfahren, ein sehr eindrückliches Erlebnis. Zusammen mit einer Sozialarbeiterin wurden Lebensmittel und einige Süßigkeiten an die dort hausenden Kinder und ihre Eltern verteilt, als besonderes Schmankerl wurde den Bewohnern dieser düsteren Zellen weihnachtliche Livemusik der örtlichen Musikschule geboten. Unglaubliche Enge, eiskalte Zimmer und ein atemberaubender Geruch wurden uns als Ausgleich geboten. Zu dritt aus der heilen Welt des Kleinstadtbürgertums für ein paar Stunden herausgefallen, spielten wir unsere Weihnachtslieder für die aus traurigen und oft auf endlos gestellten Augen Schauenden. Mit jeder Wohnung wurde mir unbehaglicher, ich starrte auf meine Schuhspitzen, so dass ich heute noch weiß, welche Schuhe ich an dem Tag trug. Es hatte etwas Gutsherrliches, dieses Verteilen von kleinen Gaben und dabei doch sehen zu müssen, dass dieses Austeilen keineswegs ausreichen würde, den Menschen in dieser ehemaligen Kaserne auch nur annähernd ein schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen. Dieser “Schandfleck” musste dann natürlich aus dem kleinstädtischen Bewusstsein irgendwann verschwinden, wo die Bewohner hin umgesiedelt wurden, weiß ich nicht.

Berliner (Park-) Platz

Bonjour Tristesse, damals wie heute...

31
Okt
11

Mein Schatzzzzz

Nach all’ dem Ungemach soll einmal wieder etwas Schönes hier diese Seite zieren!

Auch am vergangenen Wochenende habe ich im Garten meiner Tanten mein Unwesen getrieben, natürlich wie üblich zusammen mit meiner Schwester. Und so richtig fassen konnte ich auch nicht, dass es keine “Sternrenetten” mehr geben sollte, so weit ist das Jahr doch noch gar nicht fortgeschritten und Nikolausiiii war doch noch gar nicht.

Als ich nach dem vorletzten Wochenende mit einer großen Ladung Äpfel zurück kam, kamen wir in unserer Mittagsrunde auf die verschiedenen Apfelsorten zu sprechen. Natürlich kannte niemand die Sorte “Rote Sternrenette”. So trifft es sich gut, dass ich doch noch ein paar in der Ecke zwischen Gartenmauer, Carport des Nachbargrundstückes und dem großen alten Schuppen gefunden habe. Ein besonderes Kennzeichen dieser wunderbaren Äpfel ist nämlich, dass sie relativ stoisch ihr Dasein als Fallapfel akzeptieren und nicht gleich vor Zorn über einen unsanften Aufprall anfangen, zu faulen. Ein paar Handvoll angelte ich also gestern morgen aus dem dichten Gestrüpp und freute mich von Apfel zu Apfel mehr. Natürlich wurde die Beute schwesterlich geteilt!

So, liebe Frau Vau, hier sind also die fameusen Äpfel, sie haben, wenn sie ordentlich ausgereift sind, eine dunkelrote Schale mit kleinen helleren Fleckchen, denen sie das “Stern” im Namen verdanken. Das Fruchtfleisch ist rötlich durchzogen und die Äpfel duften einfach wunderbar nach einer Mischung aus Apfel und Rose, mit einem Stip Ananas.

Im übrigen bin ich mir ganz sicher, dass nicht ein oller Granatapfel von Eva dem Adam gereicht wurde, sondern ganz, ganz sicher eine rote Sternrenette! Widerspruch ist zwecklos!

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23
Okt
11

Fund des Monats

Gerade komme ich aus Ostwestfalen zurück, wo ich zusammen mit meiner Schwester Gutes im Garten unserer Tanten vollbrachte: Apfelernte! Es wurde auch Zeit, denn nun sind auch die späteren Sorten reif! Da lachten uns von fünf hochstämmigen Bäumen, in den 1930ern von unserem Großvater gepflanzt, noch Boskoop, Gülderling und Goldrenette von Blenheim an. Der Cox Orange und die Rote Sternrenette waren leider schon abgeerntet. Gerade letzterer ist mein allerliebster Lieblingsapfel, der “Nikolausapfel”. Schade, dass nichts mehr davon am Baum hing.

Die Tanten haben den kühlen Keller schon voll duftender Äpfel liegen, gerade diese drei Sorten eignen sich gut für die Lagerung bis in’s Frühjahr, kontrolliert müssen die Stellagen mit dem Obst, auch wenn es Pflückobst ist, regelmäßig.

Meine Schwester hatte vor zwei Wochen schon einmal die Nachbarbäume geschüttelt und etwa 80 kg aufgesammelt. Als Ausbeute nach dem Mosten in Ockensen schleppte sie dann 65 l feinsten kaltgepresster Apfelsafts nach Hause!

Nun hatten die Äpfel noch eine Menge guter Oktobersonne getankt, bis wir dann gestern uns mit Apfelpflückern und Stangen zum Schütteln bewaffnet in den noch leicht nebligen Morgen aufmachten und die Grundlage für einen schönen Vorrat an Obst auf der einen Seite und die Basis für einen merklichen Muskelkater im Schultergürtel und den langen Muskelsträngen im Rücken legen wollten. Eimer und Eimer füllte sich und wir entschlossen uns, auf den großen “Bollerwagen” als Zwischenstation für die runden Dinger umzusteigen.

Für die Schüttelei war gestern meine Schwester verantwortlich: meine Tanten haben seit einigen Jahren eine etwa 5 m lange Stange aus Leichtmetall mit einem Haken an der Spitze, die ein Nachbar für sie gebaut hat, die jeder Pike im Dreißigjährigen Krieg, zumindest in der Länge zur Ehre gereicht hätte! Aber jene Stangenwaffen wurden vermutlich eher selten zur Obsternte eingesetzt. Hilfreich war gestern das unhandliche Ding aber schon, wenn sie sich hochkonzentriert und mit ernster Miene dem Baum näherte, sorgsam die Äste inspizierte, anlegte und sich dann mit aller Macht betätigte.

Und so haben wir am Ende des Tages ausprobiert, wieviel Äpfel in mein Auto passen, ohne dass Wochenendgepäck und Schwester zurück bleiben mussten.

Heute abend gibt’s Apfelpfannkuchen!

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24
Jul
11

Aus der Rubrik: nicht lustig!

Erwachsene denken ja, dass Kinder es immer toll finden, wenn sie sich mit ihnen beschäftigen. Nein, tun sie nicht. Zumindest ich tat es als Kind nicht, besonders, wenn ich fette Beute in einem mir noch unbekannten Bücherregal gemacht hatte und einfach nur lesen wollte.

Zum “lesen wollen” habe ich auch ein quasi traumatisches Erlebnis: einfach so, zumindest in meiner Erinnerung, fauchte mich meine Mutter an, als sie mich mal wieder lesenderweise erwischt: “Da hat mir neulich eine Mutter gesagt, dass ihr Kind ja gerne mit dir spielen würde, aber du würdest dir immer nur was zu lesen nehmen und dich verkriechen.” Trotz jahrelangen Nachfragens gelang es mir nie, diese impertinente Klassenkameradenmutter ausfindig zu machen. Ich kann bis heute nur vermuten, dass der Inhalt des Bücherregals sehr viel spannender war als das, was mir das Spielen mit dem unbekannten anderen Kind zu bieten hatte.

Zurück zu “nicht lustig”: beim Stöbern in der Bilderkiste habe ich ein paar Bilder gefunden, auf denen mein Missvergnügen mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar ist.

Fräulein Richensa (links) und ihre Schwester mit lustigen Serviettenhüten, anno 1979

Ich fürchte, dass sich irgendeiner der erwachsenen Gäste ebenso wie wir beiden bei der Feier zum 80. Geburtstag unserer Oma im feinen Restaurant  gelangweilt hat und auf die famose Idee mit den Serviettenhüten kam. Danke.. Soweit ich mich erinnere, habe ich kurz danach angefangen, dieses “Augenbrauen-hochziehen, aber nur die linke” zu üben. Inzwischen kann ich’s perfekt!

Dann gibt’s da noch ein weiteres Bild, ein paar Jahre älter. Meine Oma hatte mich während meiner Herbstferien auf Reisen mitgenommen, zu ihrer ältesten Tochter und meiner Tante nach Bonn-Beuel. Das Regal mit den “Nesthäkchen”-Büchern zu entdecken und sich in den Büchern zu vergraben, war eine Kleinigkeit. Man hätte sich während der Woche auch nicht weiter um mich kümmern müssen, ich wäre gut beschäftigt gewesen, diese in Gänze zu lesen (bin ich bis heute nicht dazu gekommen!). Aber nein! Wir mussten spazieren gehen. Oma warf sich in den Persianermantel samt passender Kappe, ich durfte das braune Cordmäntelchen, was ich sowieso von irgenwem auftragen musste, anlegen, die schon etwas kurzen Schlaghosen, die Häkelmütze und die bunten Schuhe. Mir war schon im Alter von ca. 8 Jahren klar, dass das in dieser Kombination schrecklich aussah. Aber ich war ja ein höfliches Kind, ich ging mit, wenn ich auch im Stillen meckerte.

Fräulein Richensa (rechts) macht gute Miene zum Spiel!

Man sieht selbst auf diesem griseligen, von Vatern selbst gemachten Abzug, dass das Lächeln nicht echt ist. Schließlich hielt mich meine Oma auch mit festem Griff gepackt, nicht, dass ich noch “ausbüxte”. Ich hätte höchstens in der nächsten Stadtbücherei um Asyl gebeten…

Und dann die Reise mit der Schwester meiner Mutter in die Zillertaler Alpen. Herrschaft! Ich wollte nicht (würde ich bis heute nicht wollen) in diese Gegend der Welt. Aber ich musste! Jede Nichte musste mal mit… An sich ja eine liebe Idee, aber ich war definitiv die falsche dafür. Aber auch das war noch in Zeiten, als Kinder und Jugendliche kein Stimmrecht hatten.

Fräulein Richensa (Mitte) und der Zillertaler Bergwald

Fräulein Richensa (Mitte) und der Zillertaler Bergwald

Puh, da sieht man aber, dass ich keine Lust hatte! Irgendwo tief unten im Tal lag die Pension mit dem Bücherregal voller Krimis und “romatischen Thriller”, wo ich die beiden Wochen gut hätte verbringen können. Seitdem habe ich ein ausgeprägt schlechtes Verhältnis zu Tirol, Bergen und Nadelbäumen. Meinen Frieden mit Österreich habe ich erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts gemacht, als ich erstmals in Krems an der Donau feststellen musste, dass es auch nette Ecken und guten Wein in Österreich gibt.

17
Jul
11

Wo die Weser einen großen Bogen macht…

Letztes Wochenende war ich an der Weser unterwegs, Höxter war das Ziel. Wir hatten ein bisschen mehr Zeit als sonst, meine Schwester und ich. Und wir hatten ein Ziel!

Und da der Weg ja bekanntlich das Ziel ist, nahmen wir unseren Weg am Rand entlang des Sollings. Der Weg durch die lichten Buchenwälder von Lüchtringen bis zum Steinkrug, ehemals ein beliebtes Ausflugsziel der Höxteraner Bürger, machte uns lächeln. Sehr lange waren wir hier nicht mehr her gekommen. Ich wollte ein paar Fotos von Höxter und der ehemaligen Reichsabteil Corvey machen, denn so weit ich mich erinnerte, gab es einen wunderbaren Blick ins Wesertal.

Das Auto rollte auf den Parkplatz. Bauarbeiten rund um das etwa 100 Jahre alte Gebäude zeugen davon, dass der neue Besitzer, zum Erstaunen der alten Höxteraner ein Rumäne, hier wieder einen Übernachtungsbetrieb einrichten möchte. Himmelschwimmbadblau ist der Anbau an das Backsteingebäude schon gestrichen, komische Farbe hier.

Aber deswegen waren wir ja nicht hier: der Blick auf Corvey ist schon nicht mehr möglich, denn die Bäume sind inzwischen so hoch, dass man nur noch an wenigen Ecken bis Höxter schauen kann, da wo die Weser einen großen Bogen macht.

Blick auf Höxter, vor langer Zeit

Blick auf Höxter, vor langer Zeit

Blick auf Höxter, Kiliani- (links) und Nicolaikirche (rechts)

Weserbogen zwischen Höxter und Corvey

Weserbogen zwischen Höxter und Corvey




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