Gestern hatte ich zum Kaffeeklatsch geladen, zudem wollte ich ausprobieren, wie sich mehr als vier Personen am neu gestellten Tisch samt Erweiterungen “anfühlen” würden. Die Gäste hatten sich nicht abgesprochen, als sie die Tulpensträuße als Mitbringsel erkoren. Aber ich habe mich sehr über diese üppige Pracht gefreut, die nun das Wohnzimmer mit den Boten des Frühlings schmücken.
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Vor ein paar Jahren las ich ein Buch über die erste Welle der Begeisterung rund um die Knollenpflanze, die sogar in einer Art Börsencrash endete. Seit dem 16. Jahrhundert wurden Samen und Zwiebeln der ursprünglich in Vorderasien beheimateten Pflanze nach Westeuropa eingeführt und gelangten über botanische Gärten auch in die Parks der Herrschenden und Mächtigen, nach einer Weile auch in die neuangelegten Gärten der Reichen, Gelehrten und Bürger. Besonders in den Niederlanden machte die Schöne richtig Furore, wenn sie im Frühling Farbenpracht in die vom langen Grau des Winters geplagten Gemüter brachte. Allerdings wurden die kostbaren Blumen nicht wie heute als wahre Blumenmeere gepflanzt, sondern als einzeln stehende, die jede für sich bewundert und mit Besuchern des eigenen Gartens diskutiert wurden.

Es wurde gezüchtet, dass es eine Freude war: neue Sorten entstanden, neue Farben und vor allem neue Mengen! Mit der Ernte von Samen dauerte es im 17. Jahrhundert mehrere Jahre, bis eine Tulpe blühfähig war, mit der Vermehrung über Tochterzwiebeln nur ein oder zwei Jahre. Kurz und gut, das Geschäft entwickelte sich prächtig, vorangetrieben durch die Entstehung von Sorten mit einzigartigen mehrfarbigen Mustern auf den Blütenblättern. Diese waren das Ergebnis einer Virusinfektion der Tochterzwiebeln, die über Blattläuse verbreitet wurde, was im 17. Jahrhundert aber niemand ahnte. 
Dann passierte aber etwas, was sich Historiker, Wirtschafts- und Kulturwissenschaftler bis heute nicht vollständig erklären können: Diese mehrfarbigen, geflammten, gestreiften oder gesprenkelten Tulpen brachten noch mehr Profite ein und die am Handel Beteiligten offenbar um den finanziellen Verstand. In der Mitte der 1630er Jahre entstand eine Spekulationsblase, die sich in ihrer Wahnwitzigkeit offensichtlich nur wenig von spekulativen Geschäften unserer Tage unterscheidet. Die Händler wollten nicht mehr für sich selber die Zwiebeln erwerben, sondern sie nur noch mit Gewinn weiter verkaufen. In Schänken und Gasthäusern traf man sich in den sogenannten Kollegs, um sich dort über die Pflanzen, über Farben, Zuchterfolge auszutauschen, aber auch um Zwiebeln zu verkaufen. Es wurden sogar Optionen über die Aushändigung der Pflanzen verhandelt, oder auch Optionen über Pflanzen, die bestimmte Farben haben würden. Die absolute Hausse erreichten die Preise um die Tulpe “Semper Augustus” um die Jahreswende 1636/37: für drei der wohl nur 12 überhaupt vorhandenen Zwiebeln wurden 30.000 Gulden geboten, dem dreifachen Gegenwert für das teuerste Haus in Amsterdam in Toplage. Nicht jede Tulpe wurde so hoch gehandelt, aber es wird eine Preissteigerung um das etwa zwölffache auch für einfachere Sorten angenommen. Die Wende kam aber schon bald, denn bereits im Februar 1637 brach der Markt zusammen, nachdem bei Auktionen die geforderten Preise, besonders im Optionshandel nicht mehr bezahlt werden konnten oder wurden. Eine unübersichtliche Anzahl von Verträgen und Optionsverträgen lag der Obrigkeit und den Gerichten zur Auflösung binnen kurzer Zeit vor, mehrere Schiedsversuche in den holländischen Städten scheiterten, bis im April 1637 der oberste Gerichtshof der Provinz Holland einen Schiedsspruch verkündete, nach dem die geschlossenen Verträge grundsätzlich in Kraft blieben, die Städte ihren Blumenhändlern aber helfen sollten, aus der Krise herauszukommen (nein, kein “Rettungsschirm”) und die Verkäufer beim Bruch eines Vertrages die Zwiebeln noch einmal zum Kauf anbieten durften und der vertragsbrüchige erste Käufer für die Differenz im Kaufpreis aufkommen musste.
Verschiedene Ansätze versuchen das Phänomen zu erklären, auch in der bildenden Kunst des 17. Jahrhunderts taucht der Tulpenwahn wiederholt als Thema auf, ausführlich nachzulesen bei wikipedia.
Die meisten der Sorten, die damals soviel Wirbel verursachten, sind heute ausgestorben, mit dem Tulpenmosaikvirus befallene Zwiebeln wurden von den Tulpenzüchtern in jüngerer Zeit aus Sorgen um den eigenen Bestand vernichtet. Auch wenn ich keine “Semper Augustus” in der Vase stehen habe, freue mich in den nächsten Tagen an der bunten Farbenpracht bei mir zuhause!
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