Archiv für 11. Januar 2012

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Weser bei Höxter

Meine Tante misst die aktuellen Wasserstände an ihrer kleinen Wetterstation im Garten. Und da sie als ehemalige Mathematik- und Physiklehrerin auch einen Hang zur Statistik hat, trägt sie die täglichen Regenmengen in ihren Kalender ein, direkt neben die Menge Wasser, die ihr Dackel jeden Tag trinkt.

Als ich sie am letzten Wochenende besuchte, konnte ich also mit den aktuellen Daten zur Regenmenge um das Gartenhaus “upgedatet” werden: seit Neujahr hat es immerhin etwa 83 l auf den Quadratmeter geregnet, so dass der Garten, dank des lehmigen Untergrundes, eigentlich nur mit Gummistiefeln und Schwimmflügeln zu betreten ist.

Der eingeborene Höxteraner hat zudem immer ein Auge auf die Wasserstände, seien es die im Garten, die der umgebenden Fließgewässer, von Schelpe, Grube oder Weser. Gerne stellt er sich auf die Weserbrücke, stützt sich bedeutungsschwer auf das Geländer und starrt auf den Fluss. Im Kopf hat der Höxteraner, je nach Alter seinen persönlichen Weser-Soundtrack. Da das Weserlied mit dem großen Bogen gleichzeitig das Fankurvenlied von Werder Bremen, habe ich auf die Einbindung eines passenden Videos verzichtet und nehme die, mit persönlich näher stehende Variante aus dem 19. Jahrhundert:

Mein Hang zum Blick auf die Weser muss im zarten Alter von 2 Jahren einen ersten Höhepunkt erlebt haben, als meine Eltern beim Sonntagsspaziergang mit mir auf der Weserbrücke von Bekannten in ein Gespräch verwickelt waren und mir, langweilig-langweilig-laaaaangeweilig, nicht Besseres einfiel, als den Kopf zwischen zwei Streben durchzustecken. So konnte ich wohl besser den Fluß im Auge behalten. Nur als meine Eltern mit mir weiterflanieren wollten, ging der Rückzug nicht so einfach. Ich steckte fest, ich schrie. Meinen Eltern war es ziemlich peinlich, aber auch mit vereintem Zureden und Ohrenanlegen ging es irgendwie nicht mehr zurück. Ich schrie weiter. Kurz und gut, ich wurde eine Weile später von der Feuerwehr freigeschweißt. Erst als vor einigen Jahren das Geländer erneuert wurde, verschwand die Schweißnaht und somit die Stelle meiner jugendlichen Schmach.
Zurück in die Gegenwart: Die Weser ist einmal wieder über die Ufer getreten, was aber das mittelalterliche Rathaus mit seinen Renaissanceumbauten wenig kümmert, es steht gute 6,5 m über dem Pegel auf einem soliden Schwemmkegel aus eiszeitlichen Schottern. So richtig schlimm ist es auch noch nicht, erst wenn die Brücken bei Lüchtringen und Höxter gesperrt werden und auf fast 30 Flusskilometern nur noch zwei Brücken passierbar sind, ergeht sich der Höxteraner in freudigem Katastrophenschauer.

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Höxter, Berliner Platz

Jede westdeutsche Kleinstadt, die etwas auf sich hält/hielt, hat einen “Berliner Platz”. Und irgendwie haben alle Plätze mit jenem Namen eine gewisse ratlose Ödnis gemeinsam, die an die Umgebung des Brandenburger Tores nach 1945 und vor 1990 erinnert.

An dem Platz treffen sich die Brenkhäuser-, die Albaxer- und die Nicolaistraße, die somit die drei Möglichkeiten darstellen, den Platz zu verlassen: entweder Richtung Detmold, in einen Wendehammer, der aber früher die Straße in Richtung Hameln durchließ oder durch die mittelalterliche Stadtmauer Richtung Innenstadt von Höxter.

Höxter hat auch einen!

... durch das Stadtmauertor in die Innenstadt

In der Mitte befindet sich, solange ich denken kann, ein schwimmbadblau ausgemalter Springbrunnen mit Waschbetonrand, der früher gerne mit etwas Waschmittel zum Überschäumen gebracht wurde und die phantasielos gepflanzen Stiefmütterchen-Rabatten an seinem Rand mit Schaum überzog. Auf der umliegenden Rasenfläche wurden natürlich gerne auch die Hunde der Nachbarschaft ausgeführt. Jetzt im Winter liegt das Wasserbecken leer und himmelblau da und starrt in den grauen Himmel. Die Fußpflege, die Zahnarztpraxis, eine Schwangeren-Konfliktberatung und der Kinderschutzbund verleihen dem Platz auch kein freundlicheres Flair.

Der Platz mit Springbrunnenbecken

Himmelblau und leer

Nur wenn am ersten Mittwoch im Monat der “Schweinemarkt” stattfindet, herrscht mehr Leben westlich des Platzes.

Hier lang gehts zum Schweinemarkt! Jeden ersten Mittwoch im Monat, etwa seit der Eiszeit...

Bei einer Veranstaltungsplattform  heißt es dazu: “Wichtiger Platz für alle die von auswärts kommen und in Höxter einkaufen wollen. Hier gibt es jede Menge Parkplätze.” Ja, das ist doch schon einmal etwas! Bis in die 1990er Jahre stand auf dem heutigen Parkplatz eine große Kaserne aus dem 19. Jahrhundert als Höxter als preußische Garnisionsstadt eine gewissen Bedeutung hatte, möglicherweise wurde der Platz zum Exerzieren genutzt. Zumindest beim lokalen Schützenfest spielt er noch diese Rolle.

In den letzten Jahrzehnten vor ihrem Abriss waren die Kasernengebäude als Unterkünfte für das kleinstädtische Präkariat in Nutzung. Weitgehend unsaniert und nie gestrichen, standen die dunkelgrauen Ungetüme am Berliner Platz. Meine Grundschule lag nur wenige Schritte entfernt, uns Grundschülern war es aber unter Androhung von Sanktionen verboten, den Schulhof zu verlassen und sich dort aufzuhalten. Aus gutem Grund, wie ich später selber sehen konnte: wie es in den Behausungen aussah, durfte ich in der Weihnachtszeit Anfang der 1980er einmal erfahren, ein sehr eindrückliches Erlebnis. Zusammen mit einer Sozialarbeiterin wurden Lebensmittel und einige Süßigkeiten an die dort hausenden Kinder und ihre Eltern verteilt, als besonderes Schmankerl wurde den Bewohnern dieser düsteren Zellen weihnachtliche Livemusik der örtlichen Musikschule geboten. Unglaubliche Enge, eiskalte Zimmer und ein atemberaubender Geruch wurden uns als Ausgleich geboten. Zu dritt aus der heilen Welt des Kleinstadtbürgertums für ein paar Stunden herausgefallen, spielten wir unsere Weihnachtslieder für die aus traurigen und oft auf endlos gestellten Augen Schauenden. Mit jeder Wohnung wurde mir unbehaglicher, ich starrte auf meine Schuhspitzen, so dass ich heute noch weiß, welche Schuhe ich an dem Tag trug. Es hatte etwas Gutsherrliches, dieses Verteilen von kleinen Gaben und dabei doch sehen zu müssen, dass dieses Austeilen keineswegs ausreichen würde, den Menschen in dieser ehemaligen Kaserne auch nur annähernd ein schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen. Dieser “Schandfleck” musste dann natürlich aus dem kleinstädtischen Bewusstsein irgendwann verschwinden, wo die Bewohner hin umgesiedelt wurden, weiß ich nicht.

Berliner (Park-) Platz

Bonjour Tristesse, damals wie heute...




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