Eigentlich ist Anke an allem schuld, eine wirklich gute Freundin. Anke hatte letztes Jahr beschlossen, unser liebliches Deutschland zugunsten von Norwegen zu verlassen, zumindest zeitweise. Kurz und gut: der Umzug, der eigentlich ja keiner war, vollzog sich etwas… hmm… verteilend. Ein kleiner Teil, nämlich der, der in ihrem geliebten schwarzen GOLF Platz hatte, wanderte mit, der Rest nicht. Ein Teil zog zu ihrem Bruder nach Süddeutschland in den Keller, ein Teil zu einer Containerfirma zu den Sachen von dem Umzug davor und ein Teil zunächst zu einer Kollegin in den Keller. Ich hatte leichtsinnigerweise Asyl für „so drei Bücherkisten“ zugesagt, schon die Warnung ausgesprochen, dass in meinem Keller nur wasserfeste Dinge von Bestand sind. Anke hatte mich beruhigt, es seien wirklich nur drei Kistchen. Da sie meine liebe Freundin ist, hatte ich ihr natürlich geglaubt.
Als ich das nächste Mal in der Stadt weilte, in der Anke vorher gewohnt hatte, hatte mich ihre zukünftige Ex-Kollegin gebeten, die Sachen von Anke dann nach Berlin mitzunehmen. Ich war immer noch arglos. Als ich dann bei ihr ankam und sie meinte: „Na dann wollen wir mal, wo steht denn dein Auto?“ begann ich zu ahnen, dass drei Kisten in meiner Vorstellung nicht mit der wahren Menge übereinstimmten.
Kurz und gut: mein Auto wurde bis zur Dachrinne vollgeladen, die Parade der Kisten und Pakete, die noch im jenem anderen Keller blieben, verlor sich im schwachen Schein des Kellerlichts. Ein paar Wochen später bekam ich von jener Kollegin und einer weiteren Studienfreundin Besuch, die beiden hatten auch noch etliche Kisten dabei. Inzwischen ist mein Keller vollgestellt, meinen Abstellraum kann ich nur noch betreten, wenn ich mehrere große Tüten mit Kleiderbügeln und ähnlichem erst einmal herausräume.
Aber Anke will ja bald mit ihrem Auto von Norwegen herbei fahren und ihre Sachen holen, hat sie gestern am Telefon gesagt, wir haben auch schon einen Termin.
Nun habe ich sie vorsichtig gefragt, ob ich die Krimis, die sie als Mängelexemplare in großen Stapeln kauft und mir zum Lesen hinterlassen hat, weiter schenken darf. Mit ihrer Zustimmung verteile ich die Taschenbücher nun in den Cafés des Viertels und langsam kommt mein wunderbarer klassizistischer Schreibtisch im Arbeitszimmer wieder zum Vorschein.
Dieses Verschenken und Wegwerfen hat wahrlich etwas Katharsisches an sich. Ich habe nun angefangen, auch bei meinen Sachen auszumisten und Dinge entweder wegzuschmeißen oder weiterzugeben. Der Anfang ist das schwerste beim „Ausmisten“: wenn Regale und Schränke geleert werden, tritt, rein aufräumtechnisch zunächst so etwas wie eine „Erstverschlimmerung“ ein; es sieht noch tausendmal schlimmer als vorher aus. Aber danach wird es besser, ehrlich!
Die meisten Dinge gebe ich unserer sehr speziellen Verschwindemaschinerie anheim. Diese geheimnissvolle Maschine funktioniert ganz ohne Strom! Hier in Friedrichshain gibt es eine Menge Leute, die Dinge noch gebrauchen können und die wohnen zum Teil sogar bei mir im Haus. Also stelle ich die Dinge, die ich loswerden will, erst einmal unten in das geräumige Treppenhaus, ein Zettel mit „funktioniert noch“ ist hilfreich. Schon nach kurzer Zeit beginnen die Sachen, sich ein neues Zuhause auszusuchen. Die beiden Deckenfluter waren nach einer halben Stunde gegangen, die alten Videobänder hielten es nur solange aus, wie ich brauchte, um in den 4. Stock zu steigen und mit der nächsten Ladung wieder runterzugehen. Andere Nachbarn halten es ähnlich: so tauschen wir Bücher, Blumentöpfe oder Elektrokleingeräte. Genial! Und wenn die Dinge noch nach einer Nacht bei den Briefkästen stehen, wird der 2. Kreislauf aktiviert: man stellt das Zeug draußen vor die Haustür, als zweite Chance, ein neues Zuhause für Casettenrecorder oder den metallenen Mülleimer. Und auch hier bekommen die Dinge schnell Beine und machen sich auf und davon.
Bislang habe ich noch nie etwas wieder einsammeln müssen und es seufzend dem Müllcontainer übergeben müssen.
Heute nachmittag packte mich ein Anfall von Aufräum- und Ausmistwut im Arbeitszimmer. Nun ist das Regal in der Ecke wieder aufgeräumt, es ist sogar noch reichlich Platz drin. Dafür müssen sich nun eine elektrische Schreibmaschine, ein Scanner und ein uralter externer CD-Brenner von ca. 1999 ein neues Zuhause suchen, alles natürlich noch voll funktionsfähig. Ich gehe gleich mal runter und stelle alles in den Flur. Auf dem Weg runter werde ich mich angemessen von den dreien verabschieden, die Schreibmaschine hat meine Referate zu Beginn des Studiums brav ausgespuckt, der Scanner und der CD-Brenner standen Jahre später auf meinem Schreibtisch.
Byebye Dinge!
Schlagworte: Friedrichshain, Recycling, Tradition, wunderbar, Zeit
19. Juni 2009 um 22:05 |
Einige von uns werden diese Meldung lieben: „…meinen Abstellraum kann ich nur noch betreten, wenn ich mehrere große Tüten mit Kleiderbügeln … erst einmal herausräume…“
Mit etwas Glück gibt´s demnächst neue Kleiderbügel-Meldungen und dieser Blog hat Fanzine-Potential!
20. Juni 2009 um 10:54 |
Dinge wuchern und vermehren sich, bis sie einhen ersticken. Sehr inspirierend die Idee, eine Razzia zu veranstalten und Dinge in den Kreislauf zurückzugeben. Nur mit Büchern tu ich mich so schwer! Bücher einfach aussetzen? Das ist ja wie sein Kind zur Baby-Klappe bringen! – Das ist der Grund, warum mein Arbeitszimmer überquillt…
20. Juni 2009 um 12:54 |
nachm aufräumen fühlt man sich immer so aufgeräumt….
20. Juni 2009 um 23:31 |
Bücher kommen mir auch nicht in die Tüte…
… aber ich bin schon mal gespannt, welche deiner Schätze ich in Sohnemanns Wohnung wiederfinde.
21. Juni 2009 um 09:04 |
Also, da scheine ich doch noch einmal die Grundstruktur meines Bücherbesitzes erläutern zu müssen.
1. Fachbücher:
ihre Anzahl wächst leider auch stetig, bemühe mich um langsames Mengenwachstum, da diese zumeist Hardcover oder sonstwie gewichtig sind:
Diese werden NIE auf Reisen und auf die Suche nach einer neuen Bleibe geschickt!
2. Bücher, die mir gefallen: auch ihre Anzahl wächst, hier wird muss aber auch aus Platzgründen vorsichtig ausgewählt werden. Es gibt Regale, da stehen sie in zwei Reihen. Auch diese schicke ich nicht wieder fort, sie haben dauerhaftes Bleiberecht.
3. Bücher, die man einmal liest, deren Inhalt man gerne wieder aus dem Arbeitsspeicher des Gehirns entlässt: hierzu zählt der Rest, es sind Krimis und Bücher, die man sich aus Verlegenheit in eher schlecht sortierten Buchläden auf Bahnhöfen/Flughäfen und aus Ramschkisten gekauft hat, es ist sowas wie gedrucktes Fast-food. Nur selten schafft es ein Buch aus dieser Kategorie in die obigen. Auch Ankes hinterlassene Krimis sind dabei.
Diese gehen in den beschriebenen Kreislauf, in die Tüte, in’s Café und aus meinem Regal in’s Vergessen.
Also, wassily, nun bin ich gespannt, welches fast-food dein Sohn im Regal hat, aber es ist sicherlich nicht alles von mir, falls er überhaupt solches besitzen würde.
Heute wird eine Runde Zeug in den ewigen Kreislauf zurück gegeben.
Trattoria Roma, Breite Straße 4 in Pankow!
21. Juni 2009 um 15:13 |
Mist!
Buch vergessen…
Wird dann wohl das „Karvana“ in der Gabriel-Max-Straße in F’hain werden…
21. Juni 2009 um 20:02 |
RICH,
sehr freundlich,
dann muß Söhnchen nur drei,vier Häuser weiterziehen auf seiner Schatzsuche.
22. Juni 2009 um 20:16 |
Sehr fein! Du, ich hätte da auch ein geräumiges Stiegenhaus. In dem würde ich gerne mal ein paar hübsche Kleiderbügel finden, am liebsten mit anachronistischen Werbebotschaften. Sagen wir im … November?
22. Juni 2009 um 21:21 |
Meine Bügel kann ich Dir leider nicht überlassen, ich schaue aber einmal, was ich noch Hübsches für Dein Stiegenhaus finde. Verlass’ dich drauf